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«Hüte deine Ehre von Jugend an»

Zur Diskursivität der Ehre in der russischen Literatur unter besonderer Berücksichtigung der Werke A. S. Puškins

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Aida Hartmann

Den facettenreichen Begriff Ehre an der Schnittstelle sozialgeschichtlicher und literarischer Auseinandersetzungen in Russland stellt diese Studie in den Mittelpunkt. Dabei wird deutlich, dass die russische Ehrtradition Berührungspunkte und Differenzen zur gesamteuropäischen Kultur aufweist. Aleksandr S. Puškin tritt als Zentralgestalt im Hinblick auf den intellektuellen und literarischen Ehrediskurs hervor. An ausgesuchten Textbeispielen wird Ehre als Element der sozialen und geschlechtlichen Identität demonstriert und die Justierung der gesellschaftlichen Verhältnisse durch ihre restriktive Macht aufgezeigt.

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IV. Zur Ehre in der Nachfolge Puškins

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1. „Суд общего мнения, везде ошибочный“:1 Zur Ehre bei M.Ju. Lermontov „Невольник чести“ – это было сказано Лермонтовым, который и сам погиб на дуэли, на смерть поэта. О какой же чести сказано тут у Лермонтова, и чувст- вовал ли он сам себя таким невольником?2 Die Relevanz der Ehre-Thematik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, für die Puškin ein überaus komplexes Beispiel bietet – auch durch die fatale Verbin- dung der künstlerischen und biografischen Schicksalhaftigkeit der Ehre –, lässt sich ebenso bei Lermontov nachzeichnen. Insbesondere sein dramatisches Œvre eignet sich dazu, die tragische Auswirkung der Ehregesetze auf das Leben und Handeln von Figuren zu veranschaulichen. Doch auch die wenigen Prosawerke wie Knjaginja Ligovskaja (1836) und Der Held unserer Zeit (1840/41) enthalten Episoden, in denen sich im prekären Verhältnis der individuellen Amoralität ei- nes Pečerin3 und der gesellschaftlichen Moraldoktrin die Ehre als Spielball des Konventionellen andeutet. Sowohl die Beziehungen der Geschlechter als auch die der männlichen Akteure untereinander prägt das hohe Bewusstsein, dass sämtliche Ehre-Interaktionen der Öffentlichkeit gelten, die sich dadurch zu einer besonderen Größe im diskursiven Ehre-Feld aufschwingt. Ihre Rolle und die Be- wertung dieser Rolle gewinnt in den Texten Lermontovs eine überragende Be- deutung. Zur Illustration dieser These sei die zu Beginn der Knjaginja Ligov- skaja geschilderte Situation als Ausgangsbeispiel angeführt: An einem Dezem- bernachmittag (des Jahres 1833) wird auf einer Kanalbrücke in Petersburg ein junger Mann von einer vorbeirasenden Kutsche nahezu überrollt.4 Durch den heftigen Stoß des Pferdes auf den Bürgersteig geschleudert, bleibt er ohne Hilfe zurück, während sich das braune Traberpferd und der weiße Federbusch des in der Kutsche sitzenden Offiziers in sein Gedächtnis...

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