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Der Geist der Freude

Studien zu den Vorlagen, zur Textgestaltung und zu den Konzeptionen der Jugendwerke des «anderen» Goethe

Jochen Bertheau

Die Werte, die in den Konzeptionen der Jugendwerke Goethes (bis zu Iphigenie, Faust und Meister) zum Ausdruck kommen, widersprechen grundsätzlich jenen des alten Goethe (Entsagung): Freude, Liebe, Mitleid. Neu gefundene Quellen zu Goethes Vorfahren, zu den Hochgradlogen und zu bisher vernachlässigten Werken von Voltaire oder Rousseau sowie Vergleiche der ersten mit späteren Fassungen und philologisch belegbare Ergänzungen zu fragmentarischen Werken erlauben fast überall eine neue Sicht auf die Werke des «anderen» Goethe, wie man neuerdings sagt. Auch die politische Gesinnung des jungen Goethe nähert ihn den revolutionären Werten von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

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XV. Werther

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A. Bedeutung Goethes Die Leiden des jungen Werthers gilt heute unbestritten als der bedeutendste deutsche Roman des 18. Jahrhunderts. In Dichtung und Wahrheit bezeichnet Goethe ihn als das bedeutendste Zeugnis seiner Sturm- und Drang-Epoche, aber dieser persönliche Lebensbezug gibt viel zu wenig her im Maßstab der Weltliteratur. Das geistige Leben des bedeutenden Menschen Goethe ist viel unwichtiger als ein großartiges Kunstwerk in perfekter künstlerischer Ökonomie. Die innere Genie-Krise Werthers erscheint außerdem immer wieder auf neuere Epochen übertragbar, so dass auch für heutige Leser direkt der aktuelle Bezug gegeben ist. Das ergibt sich auch im Vergleich mit anderen Briefromanen des 18. Jahrhunderts; schon Erich Schmidt stellt das im Vergleich mit Briefromanen von Richardson und Rousseau fest.404 Da aber Werther strukturell eher ein Tagebuchroman als ein Briefroman ist, muss ein solcher Vergleich neu unternommen werden, auch im Bezug auf das Thema der unmöglichen Liebe. Außerdem muss man sich darauf einigen, über welchen Text man spricht. Seit Goethe ab 1782 die bereits 1774 publizierte Erstfassung umarbeitete und als Zweitfas- sung in den Schriften (S) 1786 veröffentlichte, gilt diese Zweitfassung im Schul- und Universitätsunterricht als letzter Wille des Dichters, als die einzige maßgebliche. Aber fast jeder Forscher, der bisher beide Fassungen verglich, kam zu dem Schluss, die Verbesserungen in der Zweitfassung seien äußerst fragwürdig, die größere Einheit auch der Konzeption komme der Erstfassung zu. Zweifelsfrei erkenne man in den Veränderungen der Zweitfassung einen Konzeptionswechsel, aber eben nicht im ganzen...

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