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Der Geist der Freude

Studien zu den Vorlagen, zur Textgestaltung und zu den Konzeptionen der Jugendwerke des «anderen» Goethe

Jochen Bertheau

Die Werte, die in den Konzeptionen der Jugendwerke Goethes (bis zu Iphigenie, Faust und Meister) zum Ausdruck kommen, widersprechen grundsätzlich jenen des alten Goethe (Entsagung): Freude, Liebe, Mitleid. Neu gefundene Quellen zu Goethes Vorfahren, zu den Hochgradlogen und zu bisher vernachlässigten Werken von Voltaire oder Rousseau sowie Vergleiche der ersten mit späteren Fassungen und philologisch belegbare Ergänzungen zu fragmentarischen Werken erlauben fast überall eine neue Sicht auf die Werke des «anderen» Goethe, wie man neuerdings sagt. Auch die politische Gesinnung des jungen Goethe nähert ihn den revolutionären Werten von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

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XVIII. Iphigenie auf Tauris

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A. Bedeutung 1. Klassizismus Iphigenie gilt bis heute (neben Tasso) als das klassischste Drama Goethes, wobei klassisch nicht nur als vorbildlich verstanden wird, sondern eher als klassizistisch in Ort, Zeit, Gewand, Versmaß und Diktion. In den letzten Jahrzehnten wird dieses Drama aber, trotz seines großen Rufs, fast nicht mehr aufgeführt. Das kann nicht daran liegen, dass die klassisch-antike Welt als langweilig verschrieen ist. Dramen von Aischylos, Sophokles und Euripides finden immer wieder Regisseure, Filme über antike Mythen und Historien, parodistisch „Sandalenfilme“ genannt, finden ein großes Publikumsecho, oft verbunden mit frühchristlicher Thematik. Im Vergleich dazu wirkt Iphigenie als „marmorglatt und marmorkalt“, also als bewundernswert und langweilig. Vielleicht dachte Goethe selbst bei der Veröffentlichung der Endfassung an eine solche Wirkung, mit der Fülle festgeprägter Sentenzen, die bis heute länger leben als das Drama selbst. Der Text zeigt einen Pluralismus von Sinnhöhepunkten ohne konsequenten inneren Zusammenhang. Tatsächlich erlebte man in früheren, „konventionell“ beschimpften Aufführungen doch mehr dramatische Bewegtheit, die Goethe selbst offenbar abkühlen wollte. Diese Lebendigkeit ergab sich aus einem durchaus fragwürdigen und widersprüch- lichen Verhältnis zu den Göttern. In einer vom christlichen Offenbarungsgott geprägten abendländischen Welt muss dies Verhältnis auf Gott übertragbar sein, sonst fällt es den Zuschauern immer leichter, die Willensäußerungen des christlichen Gotts ebenso fragwürdig zu finden wie die der griechischen Götter. Vollzieht man aber diese Gleichsetzung, ergeben sich für Iphigenie eben zwei durchaus...

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