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Der Geist der Freude

Studien zu den Vorlagen, zur Textgestaltung und zu den Konzeptionen der Jugendwerke des «anderen» Goethe

Jochen Bertheau

Die Werte, die in den Konzeptionen der Jugendwerke Goethes (bis zu Iphigenie, Faust und Meister) zum Ausdruck kommen, widersprechen grundsätzlich jenen des alten Goethe (Entsagung): Freude, Liebe, Mitleid. Neu gefundene Quellen zu Goethes Vorfahren, zu den Hochgradlogen und zu bisher vernachlässigten Werken von Voltaire oder Rousseau sowie Vergleiche der ersten mit späteren Fassungen und philologisch belegbare Ergänzungen zu fragmentarischen Werken erlauben fast überall eine neue Sicht auf die Werke des «anderen» Goethe, wie man neuerdings sagt. Auch die politische Gesinnung des jungen Goethe nähert ihn den revolutionären Werten von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

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XIX. Wilhelm Meister

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A. Bedeutung Die vervollständigte und umgearbeitete Fassung des Romans Wilhelm Meisters theatralische Sendung in der Folge kurz Sendung genannt) erschien 1796 unter dem Titel Wilhelm Meisters Lehrjahre (in der Folge kurz Lehrjahre genannt) und fand sogleich einen unerhörten Erfolg bei der allgemeinen Leserschaft wie bei literarischen Experten. Dies waren vor allem die Jenaer Frühromantiker; vielzitiert wird daher Friedrich Schlegels Bemerkung, die Französische Revolution, Fichtes Wissenschaftslehre und Goethes Lehrjahre seien die größten Tendenzen des Jahrhunderts. Das aber ist ein nur sehr begrenzt gültiges Urteil vielleicht nur für die letzten elf Jahre des Jahrhunderts, denn die „Tendenzen“ von Locke, Montesquieu, Voltaire, Rousseau und Kant werden dabei ganz ausgeklammert. Novalis, so erzählt man, wusste den ersten Teil des Romans fast auswendig, hingerissen vom „phantasievollen Schweifen der ersten Bücher“,691 kritisierte dagegen sehr scharf die symbolisch gestalteten Bücher des zweiten Teils als „eine Art Candide“ gegen die Poesie, als „Voltaire nahe, geheimnislose Aufklärung“. Ohne das Vorbild der Lehrjahre sind jedenfalls Hölderlins Hyperion, Novalis’ Ofterdingen, Jean Pauls Titan und Flegeljahre in ihrer symbolischen Erzählweise kaum vorstellbar. Man muss sich schon fragen, was die Romantiker an diesem deutschen Roman mehr beeindruckte als an den wohl bedeutenderen Romanen der Spanier, Franzosen und Engländer. Es ist bezeichnend, dass die genannten deutschen Romane oft in einem utopischen Ausland spielen, in Griechenland, in Italien, dass ihre Figuren oft italienische Namen tragen wie auch im zweiten Teil der Lehrjahre. Hauptfiguren sind jeweils unreife Jünglinge, die durch...

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