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Spiegel-Frauen

Zum Spiegelmotiv in Prosatexten zeitgenössischer österreichischer Autorinnen

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Joanna Drynda

Die ambivalente Spiegelsymbolik, ein integraler Bestandteil der feministischen Reflexion, taucht auch konstant in Prosatexten zeitgenössischer österreichischer Autorinnen auf. Einerseits versinnbildlicht der Spiegel ein mehrdimensionales Gefängnis für das weibliche Subjekt, andererseits erscheint er als Grundlage für dessen Emanzipation. Die Studie fragt danach, wie weibliche Befindlichkeiten in Spiegelbildern codiert werden. Die Struktur der Arbeit orientiert sich dabei an der symbolischen Entfernung vom Spiegel, der immer weitere Dimensionen des Hintergrunds mit zu reflektieren erlaubt: von der Fokussierung auf den weiblichen Körper, über die vorgesehenen Rollen bis hin zur Betrachtung der Gesellschaft. Abschließend werden weibliche Blicke auf Männer vor dem Spiegel untersucht.

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3. Frau – Spiegel – Rollen

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Und warum sind wir nicht alle wohlhabende Filmschau- spielerinnen, gehen nach Hause und schminken uns un- sere Wünsche ab437 3. 1. Marionettentanz vor dem Spiegel: Ehefrauen Es wäre sicherlich notwendig gewesen, in den Spiegel zu schauen und sich ein we- nig herzurichten, aber sie ließ es sein. Nie konnte sie sich dazu aufraffen, immerfort diese kleinen lästigen Verrichtungen zu vollbringen, die sie doch täglich alle ande- ren Frauen tun sah. Alle diese energischen, zielbewussten Geschöpfe, die wussten, wie wichtig eine mattgepuderte Nase war.438 Wie gewandt der Körper auch bearbeitet, wie perfekt alle Schönheitsmanuale auch ausgeübt werden, handelt es sich doch niemals um eine L'art pour l'art- Tätigkeit. Mit der theatralischen Geste des Maskierens bereitet sich die Frau auf einen Lebensauftritt vor – vor dem Spiegel schminkt sie sich ihre Rolle entwe- der zurecht oder aber ab. Diesen Mechanismus glaubt Annette aus Marlen Haushofers Roman Die Tapetentür (1957) durchschaut zu haben, wenn sie sich mit der Weigerung, in den Spiegel zu sehen, von weiblichen Alltagspraktiken wie auch vom durchscheinenden Frauenbild ihrer Zeit distanziert. Nach einer kurzen Kriegsehe lebt sie allein, verdient ihr Geld als Bibliothekarin, erlebt farb- lose Liebschaften, schätzt zwar ihre Unabhängigkeit und den kleinen Freundes- kreis, ertappt sich aber immer wieder in der Rolle einer Zuschauerin, die sich zufällig in „fremde Spiele einschmuggel[t]“ (T 55). Nach außen hin unberühr- bar, ist sie stets darauf bedacht, nicht „die Maske der Verlassenheit und Leere“ (T 39)...

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