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Spiegel-Frauen

Zum Spiegelmotiv in Prosatexten zeitgenössischer österreichischer Autorinnen

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Joanna Drynda

Die ambivalente Spiegelsymbolik, ein integraler Bestandteil der feministischen Reflexion, taucht auch konstant in Prosatexten zeitgenössischer österreichischer Autorinnen auf. Einerseits versinnbildlicht der Spiegel ein mehrdimensionales Gefängnis für das weibliche Subjekt, andererseits erscheint er als Grundlage für dessen Emanzipation. Die Studie fragt danach, wie weibliche Befindlichkeiten in Spiegelbildern codiert werden. Die Struktur der Arbeit orientiert sich dabei an der symbolischen Entfernung vom Spiegel, der immer weitere Dimensionen des Hintergrunds mit zu reflektieren erlaubt: von der Fokussierung auf den weiblichen Körper, über die vorgesehenen Rollen bis hin zur Betrachtung der Gesellschaft. Abschließend werden weibliche Blicke auf Männer vor dem Spiegel untersucht.

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4. Frau – Spiegel – Gesellschaft

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4. 1. Gespenster im Spiegel: kollektive, kommunikative und kulturelle Amnesie In den 1920er Jahren entwickelt Maurice Halbwachs den Begriff des kollektiven Gedächtnisses, das als kein universales Gedächtnis, sondern als eine – immer pluralistisch geartete – Identitätsstütze konkreter sozialer Gruppen verstanden wird.614 Auf der Basis dieses Modells erarbeiten Jan und Aleida Assmann615 in den 1990er Jahren das Konzept des kulturellen und kommunikativen Gedächt- nisses, das im deutschsprachigen Raum die Erinnerungsdebatten nachhaltig formen sollte. Das ausdifferenzierte Begriffspaar stellt die Verbindung zwischen Kulturphänomenen und dem Gedächtnis her und reflektiert dessen Funktionie- ren in gesellschaftlichen Diskursen. Während das kommunikative Gedächtnis die gelebte, in Zeitzeugen figurierte Erinnerung umfasst und sich mithin auf einen Zeitraum von ca. 80 bis 100 Jahren bezieht (drei bis vier Generationen), geht es beim kulturellen Gedächtnis um eine institutionell geformte, in kultureller Zeit- dimension realisierte Erinnerung, die unabhängig von individuellen Trägern funktioniert.616 Freilich verläuft zwischen den Begriffen keine feste Grenze, so- dass „deren Unterscheidung ohnehin nur analytisch möglich ist“.617 Das verstärkte Interesse am Phänomen Erinnerung/Gedächtnis, das Margit Reiter seit Anfang der 1990er Jahre beobachtet618, betrifft nicht nur die Schär- fung des theoretischen Instrumentariums oder die Historiographie, sondern ma- nifestiert sich auch literarisch. Die österreichische Literatur bleibt diesbezüglich keine Ausnahme. Die Interdependenz vom Memory- und Genderdiskurs619 trifft auf literarische Texte aus Österreich insofern zu, als nach dem Kriegsende nicht selten gerade Autorinnen an den vergangenheitspolitischen Kontext erinnern, 614 Maurice Halbwachs: Das kollektive Gedächtnis....

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