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Spiegel-Frauen

Zum Spiegelmotiv in Prosatexten zeitgenössischer österreichischer Autorinnen

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Joanna Drynda

Die ambivalente Spiegelsymbolik, ein integraler Bestandteil der feministischen Reflexion, taucht auch konstant in Prosatexten zeitgenössischer österreichischer Autorinnen auf. Einerseits versinnbildlicht der Spiegel ein mehrdimensionales Gefängnis für das weibliche Subjekt, andererseits erscheint er als Grundlage für dessen Emanzipation. Die Studie fragt danach, wie weibliche Befindlichkeiten in Spiegelbildern codiert werden. Die Struktur der Arbeit orientiert sich dabei an der symbolischen Entfernung vom Spiegel, der immer weitere Dimensionen des Hintergrunds mit zu reflektieren erlaubt: von der Fokussierung auf den weiblichen Körper, über die vorgesehenen Rollen bis hin zur Betrachtung der Gesellschaft. Abschließend werden weibliche Blicke auf Männer vor dem Spiegel untersucht.

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6. … im (resümierenden) Rückspiegel

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„Ich war immer nur ein Gefäß, in das irgendeiner sein Leben hineingestopft hat. $icht einmal ein Gefäß, eine spiegelnde Fläche vielleicht […], eine Figurine in einem fremden Spiel“758 „Ihrem Spiegelbilde zugeneigt prüfte die süße Bibiana Zug um Zug ihr kindli- ches Gesicht“759 – so beginnt Mela Hartwigs Roman Das Weib ist ein ichts (1929) und zugleich eine weibliche Selbstanalyse vor dem Spiegel, die in ein neurotisches Protokoll der Leere ausartet. Das Motiv, als Frau in einem Spiegel- kabinett eingeschlossen zu sein, bleibt ein Markenzeichen der Autorin. „Stun- denlang“, klagt nicht unähnlich die Hauptfigur in Hartwigs zweitem Roman Bin ich ein überflüssiger Mensch? (2001), „stand ich vor dem Spiegel, starrte mir ins Gesicht und versuchte zu ergründen, warum es nicht die Aufmerksamkeit der Männer erregte.“760 Beide spiegeln sich in Männern, gehen in ihnen auf, werden zu lebendigen Verdoppelungen der Männer. Mit dem ambivalenten Grundge- fühl, allein und für sich selbst, ohne Spiegelung und Zweisamkeit nicht existie- ren zu können, sich in der Spiegelung jedoch aufzulösen, sind sie Antizipationen der Spiegelfrau von Elisabeth Freundlinger, die im Hollywoodausmaß eine An- passung an das unerbittliche Diktat des anderen vorführt. Die Anlehnung an den (männlichen) Spiegel macht sie zur metaphorischen Taufpatin der vorliegenden Arbeit. Die Prosa von Mela Hartwig und Elisabeth Freundlinger trennt vieles: außer den sieben Dekaden, dem zeithistorischen Hintergrund oder dem literarischen Anspruch ist es vor allem das Emanzipationsstreben der Zweiten Frauenbewe- gung, von dessen Fr...

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