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Die antike Unterwelt im christlichen Mittelalter

Kommentierung ‒ Dichtung ‒ philosophischer Diskurs

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Petra Korte

Mit dem Siegeszug des Christentums war der Kosmos der antiken Mythologie nicht obsolet geworden. Er lebte fort in den Bildungstraditionen. Um das unterirdische Totenreich entstand dabei ein besonderer Diskurs. Das mythische Szenario hatte mit seinen archaischen Jenseitsvorstellungen schon in der Antike eine übertragene philosophisch-psychologische Deutung provoziert, die sich insbesondere an Vergils Aeneis anschließen konnte. Vermittelt durch die spätantike Dichterkommentierung, diente die allegorische Hermeneutik manchen karolingischen Literaten vor allem zur Rechtfertigung der Mythenlektüre. Spätere Exegeten entwickelten sie schließlich zu einer genuin mittelalterlichen Lesart fort, die den Elementen des Unterweltszenarios ihre jeweils eigene Bedeutsamkeit zuwies. Weit über eine bloße Analogie zur Hölle hinaus wurde so das mythologische «Infernum» als universeller literarischer Verhandlungsort für die Bedingungen menschlichen Daseins etabliert – eine Entwicklung, die diese Untersuchung anhand von Zeugnissen aus Dichtung und paratextueller Überlieferung bis hin zu ihrem Abschluss in Dantes Commedia nachvollzieht.

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I. Einleitung

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‘Ach, es sind Tantalusqualen. Man schiebt und schiebt, und glaubt man, oben zu sein …’ ‘Oh, das ist schön von Ihnen! Sie gönnen dem armen Tantalus endlich einige Abwechslung! Sie lassen ihn austauschweise einmal den berühmten Marmor wälzen! Das nenne ich wahre Herzensgüte.’ (Thomas Mann, Der Zauberberg) 1. Das Ausgangsproblem: Hades ‒ Hölle ‒ Inferno Um die Mitte des 12. Jahrhunderts sah sich der cluniazensische Benediktinermönch Bernard von Morlaix veranlasst, auf die Unterschiede zwischen der Hölle der christli- chen Eschatologie1 und dem Hades der antiken Dichter hinzuweisen: Corpora lubrica, corda tyrannica percruciantur, Frigore grandinis haec, face fulminis illa cremantur. Arctat, arat, terit, angit, agit, ferit illa gehenna, Vi, cruce, pondere, frigore, verbere, perpete poena. Est ibi, credite, crux sine stipite, mors sine morte, Vox sine carmine, lux sine lumine, nox sine nocte. Non ibi publicus arbiter Aeacus aut Rhadamanthus; Non ibi Cerberus aut furor inferus, ultio, planctus. Non ibi navita cymbaque praedita voce Maronis; Sed quid? adustio, nox, cruciatio, mors Babylonis. Non tenet Orphea lex data, Typhea fortia lora, Non lapis hic gravis aut lacerans avis interiora. Poena nigerrima, poena gravissima, poena malorum, Mens male conscia cordaque noxia, vermis eorum. Caeditur invida mens, caro sordida membraque lena, Perpete vulnere, perpete sulphure, perpete poena.2 ‘[In der Hölle] werden die lüsternen Körper und die tyrannischen Herzen aufs Äußerste gequält, durch frostigen Hagel diese, durch flammenden Blitz jene ver- brannt. Die Hölle zwängt, pflügt, drischt, schnürt, hetzt und...

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