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Die antike Unterwelt im christlichen Mittelalter

Kommentierung ‒ Dichtung ‒ philosophischer Diskurs

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Petra Korte

Mit dem Siegeszug des Christentums war der Kosmos der antiken Mythologie nicht obsolet geworden. Er lebte fort in den Bildungstraditionen. Um das unterirdische Totenreich entstand dabei ein besonderer Diskurs. Das mythische Szenario hatte mit seinen archaischen Jenseitsvorstellungen schon in der Antike eine übertragene philosophisch-psychologische Deutung provoziert, die sich insbesondere an Vergils Aeneis anschließen konnte. Vermittelt durch die spätantike Dichterkommentierung, diente die allegorische Hermeneutik manchen karolingischen Literaten vor allem zur Rechtfertigung der Mythenlektüre. Spätere Exegeten entwickelten sie schließlich zu einer genuin mittelalterlichen Lesart fort, die den Elementen des Unterweltszenarios ihre jeweils eigene Bedeutsamkeit zuwies. Weit über eine bloße Analogie zur Hölle hinaus wurde so das mythologische «Infernum» als universeller literarischer Verhandlungsort für die Bedingungen menschlichen Daseins etabliert – eine Entwicklung, die diese Untersuchung anhand von Zeugnissen aus Dichtung und paratextueller Überlieferung bis hin zu ihrem Abschluss in Dantes Commedia nachvollzieht.

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II. Zwischen Allegorie und Superstition ‒ Der Hades in der Spätantike

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Ging auch die Erscheinung des mythologischen Infernum hauptsächlich auf Vergil zurück, ebneten ihm in dieser Form vor allem die spätantiken Kommentatoren den Weg in die christlich-mittelalterliche Literatur. Im Spannungsfeld von epischer Termi- nologie, paganer Dichterexegese und christlichen Glaubensinhalten eröffnete sich ein breites Spektrum im Umgang mit dem Hades, bestehend in den vielfältigen Haltungen gegenüber der tradierten Mythologie. In ihnen spiegelt sich eine Zeit, in der sich so- wohl das Christentum in der römischen Gesellschaft durchsetzte85 als auch die lateini- sche Literatur und mit ihr die antike literarische Formensprache und Gedankenwelt noch einmal zu einer Blüte gelangten86. Ideelle und soziale Problematik des Christen- tums im Römischen Reich waren eng verzahnt: Neben solchen Christen, die hart dar- um rangen, die weltverleugnenden Anforderungen der neuen Religion mit den bil- dungs- und karriereorientierten der römischen Gesellschaft zu verbinden (oder die sich gleich ganz aus ihr zurückzogen), standen diejenigen, die ihrem religiösen Bekenntnis keinesfalls die Prinzipien der römischen eruditio87 zu opfern bereit waren und selbst- verständlich die für ihren Stand obligatorische Rhetorenlaufbahn anstrebten. In ihrer Geisteshaltung standen sie dem paganen Bürgertum um vieles näher als ihren Glau- bensbrüdern88. Die eruditio, das Ideal einer nicht mit dem Schulbesuch abgeschlosse- nen Bildung, die als „Lebenshaltung [...] einen eigenständigen Umgang mit der römi- schen Kultur“89 ermöglichte, wirkte im vierten und fünften Jahrhundert mehr denn je 85 Das Verhältnis des frühen und spätantiken Christentums...

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