Show Less

40 Jahre Leichenshow – Leichenschau

Die Veränderung der audiovisuellen Darstellung des Todes im Fernsehkrimi "Tatort</I> vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels im Umgang mit Sterben und Tod

Stephan Völlmicke

«Tod im Fernsehen» und «Tod in der Realität» haben auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun, auf den zweiten Blick jedoch ist auch der fiktive Tod in Film- und Fernsehsendungen immer ein Produkt des Umgangs mit dem Tod in der Gesellschaft und umgekehrt. Die Arbeit beschäftigt sich mit der Darstellung des Todes in den Medien, speziell im Tatort, und reflektiert dabei den Umgang mit Sterben und Tod in der Gesellschaft. In einer Langzeituntersuchung werden die Veränderungen der filmisch-gestalterischen Mittel der Todesdarstellung in der Krimireihe Tatort analysiert. Die Arbeit zeigt, dass es eine offensichtliche Tendenz zu immer längeren und gleichzeitig sehr nahen, distanzarmen Todesdarstellungen gibt, die eine bis dahin ungewohnte, sehr direkte und detailreiche Perspektive auf den toten Körper offeriert. Die Arbeit macht zudem deutlich, dass die Gründe für die zunehmenden und drastischeren Todesdarstellungen im Fernsehen nicht ausschließlich auf ihren hohen Unterhaltungswert zurückzuführen sind, sondern dass die gesellschaftlichen Veränderungen im Umgang mit Sterben und Tod einen wesentlichen Einfluss auf die Art und Weise der Todesdarstellungen im Fernsehen haben. Die Erzählungen vom Tod in den Medien thematisieren die in der Gesellschaft vorherrschenden Definitionen von Tod.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

1. Einleitung

Extract

1.1 Der Gegenstand Kein Thema betrifft uns alle früher oder später in ähnlicher Weise wie der Tod. In der (post-)modernen Gesellschaft haben sich die Rahmenbedingungen des Sterbens und des Todes in Vergleich zu vormodernen Gesellschaften deutlich verändert. Diese Veränderungen haben zu einem teilweisen Verlust der tradier- ten Deutungsmuster und zu einem anderen Umgang mit dem Phänomen Sterben und Tod in unserer Gesellschaft geführt (vgl. Chun 2000: 8). Der Tod wurde entzaubert (vgl. Fischer 2001: 10; vgl. Fischer 1996: 124). „Die Moderne scheint weltgeschichtlich die erste Kultur zu sein, die eine anthropo- logische Grundkonstante, nämlich die Antizipation des Todes, aus ihrem Lebenszu- sammenhang verbannt. Sie ist die erste Welt, die es sich scheinbar leisten kann, die absolut wirklichkeitsgefährdendste Kraft zu ignorieren.“ (Nassehi/Weber 1989: 207) Der Tod wird in unserer Gesellschaft strukturell verdrängt, das konkrete Sterben dem alltäglichen Blick entzogen. Daher wird der Tod (besonders die Antizipati- on des eigenen Endes) zunehmend bei der individuellen Konstruktion von Wirk- lichkeit ausgeblendet oder er wird als ein Tabu erlebt, das sich in der Terminus- Verdrängung, der Banalisierung und der Bagatellisierung des Todes manifes- tiert. Stattdessen erfolgt die Erfahrung des Todes heute größtenteils medial: Der Tod existiert für viele nur in seiner Reproduktion. Vor allem in Film und Fern- sehsendungen ist der Tod als visuelles Phänomen omnipräsent und begleitet kontinuierlich das Leben der Zuschauer. Der rezeptive Umgang mit dem imma- teriell reproduzierten Tod ist den meisten Menschen deshalb vertrauter...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.