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Die Mütterlichkeit des zeitgenössischen Helden

Eine Analyse ausgewählter Dramen von Yasmina Reza und Luísa Costa Gomes

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Dorothee Krauss

Diese Studie widmet sich der Untersuchung ausgewählter Dramen der Französin Yasmina Reza und der Portugiesin Luísa Costa Gomes, den wohl bekanntesten, zeitgenössischen Vertreterinnen im jeweiligen Sprachraum. Im Fokus der Arbeit steht der Begriff der Mütterlichkeit, präzise formuliert: der mütterliche Held. Dabei wird das Mütterliche als vom biologisch weiblichen Geschlecht unabhängig betrachtet. Der somit rein diskursiv verstandene Begriff der Mütterlichkeit gilt demnach als Oberbegriff der sowohl positiven als auch negativen, stereotypen Konnotationen «empathisch», «beschützend», «manipulativ». Diese Abstraktion ermöglicht es, die grundlegende kulturelle Konstante der Gleichsetzung von Frau und Mutter aufzubrechen. Die geschlechtsübergreifende Kategorie bildet so den Mittelpunkt der Analyse weiblicher und männlicher Akteure. Durch die komparatistische Komponente wird ersichtlich, dass die Mütterlichkeit des zeitgenössischen dramatischen Helden nicht unbedingt ein internationales Charakteristikum der aktuellen Dramatik sein muss, wohl aber ein in den Grenzen des romanischen Sprachraumes übernationales. Die Stücke Trois versions de la vie, «Art» und Une pièce espagnole von Yasmina Reza bilden den französischen Teil der Dramenanalyse. Daran anschließend werden drei Stücke von Luísa Costa Gomes als Vergleichswerke hinzugezogen.

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2. Historische Herleitung des Helden

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2.1 Die Ursprünge des Heroischen Das aitologische Erklärungsmodell der griechischen Mythologie lässt seinen zahlreichen Göttern herausragende Bedeutung zukommen. In fast allen abend- ländischen- und nahöstlichen Weltanschauungen ist ein Rückbezug auf eine höhere, eine göttliche Macht zu konstatieren, auch wenn seit der Moderne das – vornehmlich christliche – Credo, wonach der Mensch von Gott geschaffen sei, zuweilen provokant umgekehrt wird.16 Ein reiner Dualismus aus sterblichen Menschen und unsterblichen Göttern ist jedoch weder in den mono- noch in den polytheistischen Kulturen überliefert; selbst in den frühesten mythologischen Erzählungen finden „Halbgötter“ Erwähnung.17 Die Heroen18 erfüllten als Vor- bilder eine Brückenfunktion.19 Sie waren durch ein göttliches Elternteil den Un- sterblichen näher, als die sie umgebenden anthrôpoi, andererseits lebten sie je- doch eine durchaus irdische Existenz.20 Die von diesen „Übermenschen“ ausge- hende Faszination hielt über Jahrhunderte an und ist auch gegenwärtig ein viel- besprochener Forschungsgegenstand. 16 Das bedeutet hier: Der Mensch habe sich einen Gott nach seinem Bilde geschaffen. Vgl. Ehrig, Heinz, Paradoxe und absurde Dichtung, München 1973, S. 45. 17 Vgl. Dion, Jeanne, Le paradoxe du héros ou d’Homère à Malraux, Nancy 1999, S. 7. 18 Althochdeutsch: helido/ griechisch: „ó“. Charles Brucker führt die etymologische Herlei- tung des Begriffs gut nachvollziehbar weiter: «On admet que le grec hêrôs descend de la racine indo-européenne *serw-, qui signifie „protection, service“ (latin servare et servire). (…) le vieil- anglais haeled et l’allemand Held tous deux...

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