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Die Mütterlichkeit des zeitgenössischen Helden

Eine Analyse ausgewählter Dramen von Yasmina Reza und Luísa Costa Gomes

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Dorothee Krauss

Diese Studie widmet sich der Untersuchung ausgewählter Dramen der Französin Yasmina Reza und der Portugiesin Luísa Costa Gomes, den wohl bekanntesten, zeitgenössischen Vertreterinnen im jeweiligen Sprachraum. Im Fokus der Arbeit steht der Begriff der Mütterlichkeit, präzise formuliert: der mütterliche Held. Dabei wird das Mütterliche als vom biologisch weiblichen Geschlecht unabhängig betrachtet. Der somit rein diskursiv verstandene Begriff der Mütterlichkeit gilt demnach als Oberbegriff der sowohl positiven als auch negativen, stereotypen Konnotationen «empathisch», «beschützend», «manipulativ». Diese Abstraktion ermöglicht es, die grundlegende kulturelle Konstante der Gleichsetzung von Frau und Mutter aufzubrechen. Die geschlechtsübergreifende Kategorie bildet so den Mittelpunkt der Analyse weiblicher und männlicher Akteure. Durch die komparatistische Komponente wird ersichtlich, dass die Mütterlichkeit des zeitgenössischen dramatischen Helden nicht unbedingt ein internationales Charakteristikum der aktuellen Dramatik sein muss, wohl aber ein in den Grenzen des romanischen Sprachraumes übernationales. Die Stücke Trois versions de la vie, «Art» und Une pièce espagnole von Yasmina Reza bilden den französischen Teil der Dramenanalyse. Daran anschließend werden drei Stücke von Luísa Costa Gomes als Vergleichswerke hinzugezogen.

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4. Mütterlichkeit bei Reza und Costa Gomes

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4.1 Yasmina Reza: Das Ungewöhnliche in der Gewöhnlichkeit finden – eine mögliche Erklärung für den großen Erfolg der Autorin Yasmina Rezas Stücke zu inszenieren gilt seit Mitte der Neunziger Jahre, auch und vor allem in Deutschland, als Garant für ausverkaufte Vorstellungen.216 Die Autorin steht ihrem überwältigenden Erfolg jedoch sehr kritisch gegenüber, geht er doch einher mit zahllosen negativen Kommentaren aus den Feuilletonteilen der bedeutenden Zeitungen und Theaterpublikationen. Getreu dem Motto, dass Kunst und Kommerz nur strikt getrennt denkbar sind, wurde und wird Rezas Schaffen oft als reines Boulevardtheater interpretiert und geschmäht: Seit ihrem Stück ‚Kunst‘ weiß die Autorin, wie sie schnell und leicht Geld verdient. Mit knirpsigen, kecken Stücken nämlich. Mit Sprachbasteleien für wenige Schauspieler, in kargem Einheitsdekor. Die Aufführungen dieser Texte haben in jedem noch so engen Theater Platz, kosten wenig, weshalb sie ein gefundenes Fressen sind für unsubventionierte Privatbühnen. Zudem enttäuschen sie keinen Zuschauer, weil Frau Reza garantiert keinen überfordert.217 Die Positionierung Rezas als Autorin für Boulevardstücke verdeutlicht die bei zeitgenössischen Werken vorgenommene Einteilung der Werke in die Katego- rien „Kunst“ und „Nicht-künstlerisches Schaffen“ beziehungsweise Unterhal- tung. Diese Klassifizierung, bei der den Werken Rezas oft nur, wenn überhaupt, ein Platz an der Peripherie der Kunst zugestanden wird218, ist in gewisser Weise signifikant für ein weit verbreitetes Kunstverständnis unserer Zeit. Entweder ein Theaterstück ist Unterhaltungsstoff, und damit als kommerziell gebrandmarkt, oder es ist „gro...

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