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Wertesysteme und Raumsemantik in den isländischen Märchen- und Abenteuersagas

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Werner Schäfke

Diese Arbeit widmet sich der spätmittelalterlichen Erzählliteratur Islands, wie sie in den sogenannten Märchen- und Abenteuersagas in Erscheinung tritt. Die Untersuchung stellt diese etablierte Gattungseinteilung in Frage und schlägt eine Neustrukturierung des Textkorpus auf der Grundlage der vermittelten Werte und Normen vor, die im Fokus der Analyse stehen. Die Arbeit weist nach, dass die vor allem in der älteren Forschung als stereotype Schemaliteratur betrachteten Texte sich hinsichtlich der immanenten Wertesysteme als äußerst vielfältig erweisen. Das hierarchische Gefüge von Normen wird differenziert herausgearbeitet und literaturhistorisch kontextualisiert in Bezug auf die Identitätskonstruktion der Protagonisten.

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I Einleitung

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In den großen Genres der spätmittelalterlichen Sagaliteratur,1 den originalen Rit- tersagas und Märchensagas, aber auch einigen Wikinger- und Abenteuersagas2, spielt die Abenteuerfahrt des Protagonisten in fremde oder wilde Gebiete eine große Rolle bei der Etablierung seines Heldenstatus’.3 Interessanterweise verhält sich aber nicht zuletzt auch der Saga-Held „wild“ und unzivilisiert wie die Figuren, die in diesen fremden „magischen“ Räumen angesiedelt sind, wenn er sein Heimatland in Skandinavien oder Westeuropa verlässt und in die Fremde auszieht. Handlungsweisen, die zuvor nur von den Widersachern ausgeübt wurden wie Diebstahl oder Frauenraub, sind für Prota- gonisten der aristokratischen Innenwelt legitim, sobald sie sich außerhalb ihrer Heimat befinden.4 Kann Gibbon in der nach ihm benannten Saga in Bigamie leben, weil er sich jenseits der Grenzen der Moral seiner eigenen Gesellschaft bewegt? Sind diese Grenzen geographisch oder sozial verortet, wenn sie nicht an die Person gebun- den sind? Um dieses Phänomen zu erklären, bietet sich die These an, dass die Person in diesen Texten als nicht aus sich selbst heraus, sondern als von ihrer Umgebung determiniert gedacht wird, wie dies auch schon Müller (2009, bes. S. 122–124) für eine schlüssigere Interpretation des Nibelungenlieds annimmt. Doch dies ist nur eine Erklärungsmöglichkeit für Handlungsweisen, die sonst unverständlich bleiben. Die Topologie des „Außen“ wird semantisch aufgeladen mit Gefahr und auch dem Monströsen, da die Protagonisten dort häufig auf die Gestalten der „niederen“ nordischen Mythologie und die...

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