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Frühe Formen musikalisch-rhetorischer Figuren

Ausdrucks- und Gestaltungsmittel in Vokal- und Instrumentalmusik des 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts

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Nora Verena Hülsen

Ausgehend von der Musica poetica Joachim Burmeisters werden in dieser Arbeit musikalisch-rhetorische Figuren als verbreitetes Phänomen schon des 16. Jahrhunderts untersucht. Dabei läßt sich ein Bogen schlagen von der frankoflämischen Schule über die beiden Gabrieli in Venedig bis hin zu deren Schülern, zu Schütz und schließlich bis zu Monteverdi. In dieser Epoche und bei diesen Komponisten werden Grundzüge, Figuren-«Vorläufer», Tendenzen, Ausdifferenzierungen und Entwicklungen aufgezeigt. Unter Einbeziehung zeitgenössischer theoretischer Traktate, die immer mehr Regeln zur Textvertonung bieten, wird verdeutlicht, daß die Grundgedanken der Burmeisterschen Lehre längst nicht nur in der Praxis verankert waren. Dabei bleibt selbstverständlich die Nähe von Seconda pratica und musikalisch-rhetorischen Figuren nicht unberücksichtigt, ebenso wie der Affektausdruck in der Instrumentalmusik.

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1. Prolog

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Die erste bekannte musikalisch-rhetorische Figurenlehre, das Kapitel De Ornamentis sive de figuris1 Musicis2 legte Joachim Burmeister (1566-1629) – deutscher Mu- siktheoretiker, Komponist und Kantor – in seiner Musica poetica (1606) vor. Diese Figurenlehre wirft bei ihrem Studium bald die Frage auf, inwiefern andere Komponisten außer den dort genannten – hauptsächlich Orlande de Lassus3 – ebenfalls musikalisch-rhetorische Figuren verwendeten, d. h. ob es sich hier nicht um ein gängiges und verbreitetes Phänomen schon des gesamten 16. Jahrhun- derts handelt. Diese Annahme scheint durchaus berechtigt, da die musikalische Rhetorik (in Anlehnung an die Rhetorik im Sinne der Redekunst, die auch in den Artes liberales nach Quintilian gelehrt wurde) eine kunstvolle Ausgestaltung des Textes erreichen, ihn schmücken, zugleich aber auch noch mehr, nämlich ihn mit Mitteln der Musik ausdrücken und auch interpretieren will. Dies ist natürlich das Anliegen des ernsthaften Komponisten. So ist denn der Ausgangspunkt der vor- liegenden Arbeit, die sich mit eben der Frage nach dem Auftreten musikalisch- rhetorischer Figuren beschäftigen wird, auch gleich zu Beginn der Musica poetica zu finden, wo Burmeister den Zweck seiner Schrift, seiner Lehre benennt: „Damit drittens die Töne sinnvoll zusammenklingen und die Gestalt der Harmonie die Ge- müter bewegt, darf es weder an Figuren fehlen, noch sei durch die in Regeln gefaßten Schranken aufgelöst, was für die Harmonie selbst das Maß und die Grenze festlegt, die nicht überschritten werden dürfen.“4 1 Carmina Burana 186, 2: „Eine Blume auf einem Bild ist keine Blume,...

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