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Theorie und Praxis des Chors in der Moderne

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Jae Min Lee

Die neueren Zeiten kennen den Chor kaum mehr als Bestandteil der Festkultur, deswegen ist seine Umsetzung im Theater ein großes Problem. Für Regisseure und Schauspieler wie auch für die Zuschauer war der Chor der fremdartigste Teil. Allerdings haben seit der deutschen Klassik Theatermacher dem Chor intensive Aufmerksamkeit geschenkt. Der Chor ist dabei nicht nur ein dramaturgisches Mittel, um eine Distanz zwischen Bühne und Zuschauer zu wahren, sondern auch ein wichtiges Mittel zur Herstellung einer neuen Theater- und Zuschauerkunst. Der Rekurs auf das antike Vorbild zielt somit nicht auf die Wiederbelebung dieses Vorbilds um seiner selbst willen, sondern auf die Eröffnung neuer Möglichkeiten für das moderne Theater im Ringen um ein neues Theaterkonzept. Unter diesem Gesichtspunkt analysiert die vorliegende Studie die höchst differenzierten Chorkonzepte der Moderne.

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1. Einleitung

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1855 schreibt Richard Wagner seinem Freund Franz Liszt einen Brief. In dem Brief geht es um Liszts Plan, die Divina Commedia von Dante zu komponieren. Also – eine „Divina Commedia“ ? Das ist gewiss eine ganz herrliche Idee, und schon geniesse ich Deine Musik im voraus. [...] Dass die „Hölle“ und das „Fegefeuer“ gelingen wird, be- zweifle ich keinen Augenblick: gegen das „Paradies“ habe ich aber Bedenken, und Du bestä- tigst sie mir schon dadurch, dass Du dafür in Deinem Plane Chöre aufgenommen ist.1 Die neueren Zeiten und europäischen Zivilisationen kennen den Chor kaum mehr als Bestandteil der Festkultur, deswegen war seine inszenierungspraktische Umsetzung im Theater von jeher ein großes Problem. Für Regisseure, Dramatur- gen und Schauspieler wie auch für die Zuschauer war der Chor der fremdartigste Teil. Symptomatisch ist hierfür auch Gustav Freytag: „Nun ist die Einführung des alten Chors allerdings unmöglich“2. Denn weder die religiös-gesellschaftli- che Dimension des Chorliedes noch das kollektive Sprechen und Singen mit Tanz waren dem zeitgenössischen Publikum zu vermitteln. Der Chor war daher nicht nur für Wagner, sondern auch für das ganze 19. Jahrhundert ein Problem.3 Allerdings haben seit der deutschen Klassik Theatermacher und -reformer dem Chor intensive Aufmerksamkeit geschenkt. Daher ist die Frage, ob der antike Chor im modernen Drama noch zu verwenden sei oder durch welche Mittel er ersetzt werden könne, immer wieder lebhaft diskutiert worden. Es ist erstaunlich, welch unterschiedliche, ja gegensätzliche Deutungen der dramaturgischen Funk-...

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