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Theorie und Praxis des Chors in der Moderne

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Jae Min Lee

Die neueren Zeiten kennen den Chor kaum mehr als Bestandteil der Festkultur, deswegen ist seine Umsetzung im Theater ein großes Problem. Für Regisseure und Schauspieler wie auch für die Zuschauer war der Chor der fremdartigste Teil. Allerdings haben seit der deutschen Klassik Theatermacher dem Chor intensive Aufmerksamkeit geschenkt. Der Chor ist dabei nicht nur ein dramaturgisches Mittel, um eine Distanz zwischen Bühne und Zuschauer zu wahren, sondern auch ein wichtiges Mittel zur Herstellung einer neuen Theater- und Zuschauerkunst. Der Rekurs auf das antike Vorbild zielt somit nicht auf die Wiederbelebung dieses Vorbilds um seiner selbst willen, sondern auf die Eröffnung neuer Möglichkeiten für das moderne Theater im Ringen um ein neues Theaterkonzept. Unter diesem Gesichtspunkt analysiert die vorliegende Studie die höchst differenzierten Chorkonzepte der Moderne.

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4. Tragödienexperimente in der Ägide der Weimarer Klassik

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Winckelmanns Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerey und Bildhauer-Kunst fassen einen der wichtigsten kulturellen Pro- grammpunkte der Epoche sehr wirkungsmächtig zusammen: Der eintzige Weg für uns, groß, ja, wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten, und was jemand vom Homer gesagt, dass derjenige ihn bewundern lernet, der ihn wohl verstehen gelernet, gilt auch von den Kunst-Wercken der Alten, sonder- lich der Griechen. Man muß mit ihnen, wie mit seinem Freund, bekannt geworden seyn, um den Laocoon eben so unnachahmlich als den Homer zu finden. In solcher genauen Bekannt- schaft wird man wie Nicomachus von der Helena des Zeuxis urtheilen: „Nimm meine Au- gen“, sagte er zu einen Unwissenden, der das Bild tadeln wollte, „so wird sie dir eine Göttin erscheinen.“277 Die Griechen seien in ihrer klassischen Zeit zu einer künstlerischen Vollkom- menheit gelangt, an der alle folgenden Zeiten Maß zu nehmen haben. Damit ist nicht gemeint, dass die genuin griechische Art der Kunstgestaltung unverändert fortgeführt werden müsste. Das heißt, Winckelmann fordert nicht „ein weiteres Mal bloß die Nachahmung der Alten“, sondern stellt dieser Nachahmung viel- mehr die Aufgabe, „das Eigene, das Heutige zu verwandeln“ 278. Die „Alten“ sind nicht länger zeitlose Muster, sondern historische Paradigmen für Wissenschaft, Literatur und Kunst; ihre Werke gelten zwar noch immer als vollendet, aber auch als geschichtlich gebunden und damit einzigartig. In dieser Hinsicht hat Winckelmann einerseits am normativen Schönheitsbegriff festgehalten und ande-...

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