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Theorie und Praxis des Chors in der Moderne

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Jae Min Lee

Die neueren Zeiten kennen den Chor kaum mehr als Bestandteil der Festkultur, deswegen ist seine Umsetzung im Theater ein großes Problem. Für Regisseure und Schauspieler wie auch für die Zuschauer war der Chor der fremdartigste Teil. Allerdings haben seit der deutschen Klassik Theatermacher dem Chor intensive Aufmerksamkeit geschenkt. Der Chor ist dabei nicht nur ein dramaturgisches Mittel, um eine Distanz zwischen Bühne und Zuschauer zu wahren, sondern auch ein wichtiges Mittel zur Herstellung einer neuen Theater- und Zuschauerkunst. Der Rekurs auf das antike Vorbild zielt somit nicht auf die Wiederbelebung dieses Vorbilds um seiner selbst willen, sondern auf die Eröffnung neuer Möglichkeiten für das moderne Theater im Ringen um ein neues Theaterkonzept. Unter diesem Gesichtspunkt analysiert die vorliegende Studie die höchst differenzierten Chorkonzepte der Moderne.

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6. Chor und Theater von Morgen

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Die antike Chor-Tragödie wurde im 19. Jahrhundert immer literarisch außeror- dentlich hoch bewertet. Trotzdem war ihre Realisierung auf der Bühne weitge- hend diskreditiert. Die Affekte, die von einer Gruppe gemeinsam sprechender, singender und tanzender Menschen ausgingen, wurden nur noch als erschrecken- de Bedrohung empfunden, die an längst überwundene Zustände erinnerte.950 Das bürgerliche Theater verlangte dazu eine strikte Trennung zwischen Bühnenwelt und Zuschauerwelt. Der Chor, der die beiden Sphären dialektisch verschränkt, wurde von der Bühne verbannt oder in Einzelcharaktere zersplittert. Das sinnlich ergreifende Element des Chors der antiken Tragödie ist dadurch verlorengegan- gen, banalisiert und entfremdet gleichsam von einer öffentlichen Sprache zu ei- ner Privatsache im Gemach des Helden und seiner Beratung mit einer unwichti- gen Nebenfigur. Mit Wagner und Nietzsche beginnt aber die Faszination der Moderne für die Chor-Tragödie, weil Wagner und Nietzsche das Dionysische der Tragödie wieder entdeckt und ästhetisch rehabilitiert haben.951 6.1 Urszene I: Das Liebesmahl der Apostel ( Dresden 1843) Anfang 1843 wurde Wagner die Leitung des Dresdener Männergesangvereins »Liedertafel« angetragen. Er hatte für ein Chorfestspiel im Sommer 1843 die Bi- belszene Das Liebesmahl der Apostel (WWV 69) geschrieben, ein Werk für Männerchöre und großes Orchester. Das halbstündige Werk ließe sich vielleicht 950 Einar Schleef, Droge Faust Parsifal, Frankfurt/M 1997, S. 8. 951 Vgl. Max L. Baeumer, Das moderne Phänomen des Dionysischen und seine „Entdeckung“ durch Nietzsche, in: Nietzsche Studien, Bd. 6, 1977, S. 123-153;...

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