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Willy Haas

Die Begegnung mit Indien als Exilort

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Jyoti Sabharwal

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts brachte infolge des Hitlerfaschismus die größte Vertreibung von Menschen in der bisherigen Geschichte Europas mit sich. Im Ausmaß ist diese übertroffen nur von der Menschenflucht als Folge der Teilung des Subkontinents in Indien und Pakistan 1947. Beide Ereignisse waren Manifestationen des Imperialismus und des Kolonialismus in der Neuzeit, beide erzeugten einen Literaturkorpus, etikettiert als Exilliteratur im deutschsprachigen Europa und als Partition Literatur auf dem südasiatischen Subkontinent. In diesem Buch über das Exil von Willy Haas in Indien zerfließen die Schnittstellen dieser historischen Entwicklungen, um aufzuzeigen, wie einzelne Biographien durch besondere Momente in der Geschichte beeinflusst werden. Diese Mikrostudie über das Exil in einer asiatischen Kolonie des Britischen Imperiums kann auch als eine Folge der neuen interdisziplinären Ansätze und der erweiterten Exilforschung auf außereuropäische und außeramerikanische Exilorte des frühen 21. Jahrhunderts betrachtet werden. Die Ausweitung führt zu neuen Impulsen für die repräsentativen Konzepte um Genre und Topoi der Exilliteratur. Darüber hinaus ergänzt diese Mikrostudie das Quellenmaterial der Exilgeschichte.

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KAPITEL IV. Erinnerung und Schreiben über das Fremde in der Fremde: Die Literarische Welt, Erinnerungen

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100 und Heilige des höchsten Ranges in der Natur möglich geworden sind: in ihnen ist die kosmi- sche Geschichtsphilosophie Indiens ausgedrückt.“323 Im selben Text baut er ein Bild der Großfamilie auf, die er als die Fortsetzung des Kastenwesens folgenderweise darstellt: „Offiziell oder inoffiziell ist jede Hindufamilie eine Art Joint Family – ist die bloße Fort- setzung der Kaste in einem kleineren Kreis. Der Fabrikarbeiter, der Diener, der Clerk, der Sweeper, der seine Stellung verloren hat und arbeitslos ist, zieht sich in sein Dorf und seine Familie zurück und ist dort gesichert. Auch das ärmste indische Haus wimmelt von Onkeln und Tanten und Vettern und Nichten, von Arbeitslosen, von Tunichtguten, Kranken, Alten, von unverheirateten Mädchen, die alle irgendwie erhalten werden müssen; daher kommt es, dass der richtige Inder, der Arbeitende, der nicht Wucherer oder Spekulant ist, eigentlich nie reich werden kann: weil er für eine niemals genau bestimmbare, zunehmende oder abneh- mende Gruppe von Familienmitgliedern mitzusorgen hat; und das tut er mit einer Selbstver- ständlichkeit, die keine Parallele im europäischen Leben hat.“324 Aufgrund seiner eigenen liberal-humanistischen Perspektive, samt der literari- schen Erzählstrategien, die schon früher hervorgehoben wurden, kommt es zu einem kulturellen Perspektiven-Transfer. Jedoch setzt Haas im Umfang dieser Darstellungen sozio-historischer Vorgänge die deutsche, indologische Tradition fort.325 Dementsprechend bezieht er sich auf die Antike seiner Exilheimat, die in der europäischen Indologie das wahre Indien repräsentierte. Ich beziehe mich in diesem Zusammenhang auf das 2002...

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