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Möblierte Vergangenheit, gelebte Gegenwart oder gewohnte Zukunft?

Die Bedeutung und Nutzung der Dinge des Wohnbereichs und ihr Stellenwert im individualbiographischen Lebensverlauf

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Marie-Helene Wichmann

Ist die Wohnung Zeitzeuge unserer Vergangenheit, Spiegel unserer Gegenwart oder Ausdruck unserer Ziele und Wünsche? In welchen zeithistorischen Kontext stellen Wohnende die Gestaltung ihres Lebensumfeldes? Dieser neuen, bisher vernachlässigten Perspektive wird hier in einer empirischen Untersuchung zum Wohnen interdisziplinär nachgegangen. Dabei wird das Wohnen als Gesamtphänomen gesehen und ein wegweisender Beitrag zur Wohnforschung geboten, der auch ein innovatives Untersuchungsmodell vorschlägt. Detailreich und interessant wird das Faszinosum Wohnen nicht nur über die Einrichtung, sondern auch anhand der Raumnutzung betrachtet: Hierbei spielen Aneignungsgeschichte, kulturelle, gesellschaftliche und individuelle Zeitbezüge ebenso wie das Moment der Inszenierung eine zentrale Rolle.

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Heute existieren diverse Einrichtungsstile, -moden und -trends, die jeweils in den verschiedenen sozialen und altersspezifischen Schichten oder Milieus gou- tiert und akzeptiert werden: die vom Soziologen Ulrich Beck 1986 konstatierte Pluralisierung der Lebensformen führte zu mehr Wahlmöglichkeiten, zu einer Multioptionalität auch in Wohn- und Möblierungsfragen. Denn durch die Indi- vidualisierung werde „die Biographie des Menschen aus vorgegebenen Fixie- rungen herausgelöst, offen, entscheidungsabhängig und als Aufgabe in das Han- deln jedes einzelnen gelegt“ (Beck 1986: 216). Damit werden Biographien selbstreflexiv und die vormals sozial vorgegebene Normalbiographie erodiert. Sie wird in selbst hergestellte und herzustellende Biographien transformiert, deren „massive Individualisierung“ (a.a.O.) „deutlich die Lebens-, Leit- und Glaubensvorstellungen der Individuen in ihrem Spannungsfeld von kollektiver Beeinflussung und persönlicher Gestaltung“ zeigt, so die Kulturanthropologin Katschnig-Fasch (1998: 10). Dabei implizieren die Wahlmöglichkeiten aber auch Entscheidungszwänge, die eine Aufschiebementalität hervorrufen – der Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman spricht hier von der „Verpflichtung zur Wahl“, die sich als Wahlfreiheit präsentiert (2009: 99; vgl. auch ebd.: 111). Die Zukunft wird momentan als beinahe schon risikobrisanter Fixpunkt der lebenslauforientierten (individuellen und sozialen) Erfolgsmessung wahrge- nommen, „[der] Verlust der Planbarkeit des eigenen Lebens ist zu einer Schlüs- selerfahrung geworden“ (Dörre 2009: 19), die sich „aus Veränderungen in der Tiefenstruktur der Gesellschaft“ speist (ebd.). Laut Trendforschern evozieren so gegenwärtig wenig vorhersehbare Entwicklungen und ein diffuses Gefühl sin- kender Sicherheiten eine Lebensführung der Prokrastination 1 (Trendbüro- Newsletter vom 31.12.2008), da diese Verschiebetaktik suggeriere, weiterhin alle...

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