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«Miss GULAG» und die Rolle des weiblichen Körpers in der russischen Lagerliteratur

Von Anton Čechov bis Evgenija Ginzburg mit einem Nachwort zu den Pussy Riots

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Lena Schiefler

Miss GULAG (2006) von Maria Yatskova treibt auf die Spitze, was Anton Čechov bereits 1880 auf seiner Reise durch die Sträflingskolonien beobachtet hatte: Nach einer Misswahl in einem Straflager wird die Gewinnerin entlassen. Diese Arbeit untersucht semantisch und kunsthistorisch den Zusammenhang von körperlicher Schönheit und Freiheit in Miss GULAG. Vor einem rechtswissenschaftlichen Hintergrund gibt sie zudem Einblick in die Rolle des weiblichen Körpers in der russischen Lagerliteratur: resozialisierend bei Fedor Dostoevskij, transzendent in der stalinistischen Propaganda des Autorenkollektivs um Maksim Gorkij, wiederbelebend in der Dissidentenliteratur Varlam Šalamovs und Evgenija Ginzburgs. Im Nachwort wird die postsowjetische Identitätsfindung mit den Pussy Riots abgerundet.

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TEIL II

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Literaturhistorischer Überblick mit Verweisen auf die Geschichte der russischen Strafjustiz 2.1. Verbannung und katorga als Mittel zarischer Siedlungs- politik Um die Signifikanz der drei Hauptfiguren in Miss GULAG als Produkt einer kulturellen Entwicklung lesen zu können, soll nun die Bedeutung der Frau in der zarischen und sowjetischen Lagerliteratur untersucht werden. Hierzu sollten die zarische Strafpolitik als auch der rechtshistorischen Umbruchs in Folge der Ok- toberrevolution 1917 berücksichtigt werden. Aus der Sicht des 21. Jahrhunderts erinnert die Bezeichnung Lager weniger an Gefängnisse als Orte der Vernich- tung, was die Zwangsarbeitslager unter Stalin auch sekundär waren. Sträflingskolonien waren kein besonderes Kennzeichen allein des russischen Strafsystems. Frankreich deportierte seit 1794 Gefangene nach Ostafrika, Eng- land verschickte sie bis 1865 in das mehr als 15.000 Kilometer entfernte Austra- lien. Im Gegensatz zu den Lagern dieser Kolonialmächte waren die sibirischen Lager, die sich unter Zar Peter dem Großen (1682-1721) verstärkt zu füllen be- gannen, Binnenkolonien. Die meisten Strafen wurden in Bezug auf religiöse oder politische Vergehen verhängt.54 Das russische Justizsystem sah verschiedene Straf- und Internierungsformen vor. Unter Verbannung („ssylka“) ist die Ausweisung aus dem Zarenreich oder einer Region desselben zu verstehen, mit der meist keine weiteren Auflagen verbunden waren. Deportation („poselenie“) bezeichnet dagegen die Verschi- ckung an einen bestimmten Ort. Mit dieser ging in der Regel die Zwangsarbeit („katorga“) und eine drastische Einschränkung der Freiheitsrechte einher. Be- reits im 16. Jahrhundert unter Iwan IV. (1530-1584) begann die Kolonialisie- rung Sibiriens. Für die...

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