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Dichten wider die Unzeit

Textkritische Beiträge zu Gertrud Kolmar

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Edited By Ilse Nagelschmidt, Almut Nickel and Jochanan Trilse-Finkelstein

Der Sammelband zur internationalen Tagung «Fremd unter den Menschen» in Weimar 2010 vereinigt Beiträge zur Poetik und Textologie der Dichterin Gertrud Kolmar, die im Jahr 1943 ihr Leben in Auschwitz verlor. Die Aufsätze führen die Diskussion um eine außerständige Lyrikerin, Dramatikerin und Prosa-Autorin auf der textkritischen Ebene interdisziplinärer Forschung fort und bilden dafür unterschiedliche theoretisch-methodologische Zugänge über biographische und psychoanalytische Ansätze aus. Erörterungen aus rezeptionsgeschichtlicher Blickrichtung sowie stoff- und motivbezogene Analysen werden um Perspektiven der Gender-Forschung erweitert. Somit eröffnet das Buch einen weiten Denkraum und ermöglicht zugleich eine zeit- und familiengeschichtliche Gedächtnisarbeit zur deutsch-jüdischen Identität und zum gattungsumfassenden Schaffen Kolmars, nicht zuletzt durch die Wiedergabe des Podiumsgesprächs zwischen Nachfahren und Wissenschaftler_innen verschiedener Disziplinen.

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Einleitung

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Bald siebzig Jahre nach dem Tod der Dichterin Gertrud Kolmar ist ihr Werk nur einem kleinen Kreis von Interessierten geläufig. Die Diskrepanz zwischen Gertrud Kolmars Unbekanntheit und ihrem literarischen Rang scheint sich durch mehrere Faktoren – wie denen des gleichermaßen komplexen und intellektuell fordernden Werkes selbst, des äußerlich unspektakulären Lebens der Dichterin und ihrem fürchterlichen Ende mit der Deportation nach Auschwitz, wo sich die Spur der gerade 38-jährigen verliert – erklären zu lassen; auch ist ein bis heute primär wissenschaftsgebundener Publikationsstand nicht gerade dazu angetan, den Mangel leicht erreichbarer Textausgaben des Gesamtwerks zu beheben. Letzteres irritiert angesichts einer Dichtung, für die sich von Beginn an namhafte Fürsprecher und Förderer einsetzten, so Gertrud Kolmars Cousin Walter Benjamin, der Verleger Victor Otto Stomps oder, neben anderen Autor_innen, Elisabeth Langgässer. Schon Jacob Picard, auch er ein früher Bewunderer der Lyrik Gertrud Kolmars und Herausgeber der ersten Werk-Ausgabe von 1955, stellt die Unbe- kanntheit Gertrud Kolmars in Kontrast zu ihrer Bedeutung als Dichterin fest. „Wir können sie […] neben die wenigen unsterblichen Fräuleins stellen, die an der Spitze der lyrischen Dichtung der westlichen Welt stehen, neben Annette von Droste-Hülshoff, die Französin Marcelline Desbordes-Valmore, neben Emily Dickinson und Christina Rosetti.“1 Mit dieser Reihung rücken ähnliche biogra- phische Muster und künstlerische Singularität gleichauf in den Blick; Parallelen zu der hohen Sprach- und Formbeherrschung in Gertrud Kolmars Lyrik datiert Picard bis Hölderlin zurück, vergleicht daneben ihr...

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