Show Less

Dichten wider die Unzeit

Textkritische Beiträge zu Gertrud Kolmar

Series:

Edited By Ilse Nagelschmidt, Almut Nickel and Jochanan Trilse-Finkelstein

Der Sammelband zur internationalen Tagung «Fremd unter den Menschen» in Weimar 2010 vereinigt Beiträge zur Poetik und Textologie der Dichterin Gertrud Kolmar, die im Jahr 1943 ihr Leben in Auschwitz verlor. Die Aufsätze führen die Diskussion um eine außerständige Lyrikerin, Dramatikerin und Prosa-Autorin auf der textkritischen Ebene interdisziplinärer Forschung fort und bilden dafür unterschiedliche theoretisch-methodologische Zugänge über biographische und psychoanalytische Ansätze aus. Erörterungen aus rezeptionsgeschichtlicher Blickrichtung sowie stoff- und motivbezogene Analysen werden um Perspektiven der Gender-Forschung erweitert. Somit eröffnet das Buch einen weiten Denkraum und ermöglicht zugleich eine zeit- und familiengeschichtliche Gedächtnisarbeit zur deutsch-jüdischen Identität und zum gattungsumfassenden Schaffen Kolmars, nicht zuletzt durch die Wiedergabe des Podiumsgesprächs zwischen Nachfahren und Wissenschaftler_innen verschiedener Disziplinen.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

Anders und fremd – Fremd und anders. Gertrud Kolmar: Ein „ungesichertes jüdisches Leben“ für Gerechtigkeit Jochanan Trilse-Finkelstein

Extract

Es war am trüb-kalten Morgen des 27. Februar 1943, als Einheiten jener Todes- schwadronen mit ihren Runen des Unheils auf den Uniformspiegeln Berliner Fabriken, in denen Juden arbeiten mussten (und noch durften), ganze Stadtviertel durchsuchten, um Tausende Juden zu verhaften – Frauen und Männer sowie mehr als eintausend sogenannte Mischlinge und durch ,Mischehen‘ mit ,arischen‘ Frauen geschützte Männer. Diese waren nach einer Protestdemonstra- tion ihrer Frauen am 28. Februar vor dem Zwischenlager in der Rosenstraße freigelassen worden. Die Aktion ist in die Geschichte unter dem Namen „Fabrik- aktion“ eingegangen. Man bedenke: Eine mutige Tat von circa tausend deutschen Frauen gegen eine Macht, welche Gestapo und SS geheißen hat – und dies in der innenpolitisch aufgeregten Situation nach der dritten, diesmal welthistorischen Niederlage der damals noch als unbesiegbar geltenden deutschen Armeen an der Wolga. Was hätten möglicherweise eine Million solcher namenlosen Heldinnen aus Liebe auslösen, gar verhindern können – aber sie taten es nicht! Als Gründungs- und langjähriges Leitungsmitglied des Jüdischen Kulturver- eins Berlin (1989–2009) habe ich häufig am Eingedenken an jenen Tag durch unsere Mitglieder in der Großen Hamburger Straße von Berlin-Mitte teilgenom- men. Gertrud Käthe Kolmar, die große jüdische Dichterin unter den Verhafteten der Lichtenberger Fabrik, zählte nicht zu den Befreiten. Sie musste mit dem 32. Osttransport am 2. März auf die Schiene nach Auschwitz und alsogleich in eine jener Höllenkammern, aus denen man nur als Leiche und in...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.