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Dichten wider die Unzeit

Textkritische Beiträge zu Gertrud Kolmar

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Edited By Ilse Nagelschmidt, Almut Nickel and Jochanan Trilse-Finkelstein

Der Sammelband zur internationalen Tagung «Fremd unter den Menschen» in Weimar 2010 vereinigt Beiträge zur Poetik und Textologie der Dichterin Gertrud Kolmar, die im Jahr 1943 ihr Leben in Auschwitz verlor. Die Aufsätze führen die Diskussion um eine außerständige Lyrikerin, Dramatikerin und Prosa-Autorin auf der textkritischen Ebene interdisziplinärer Forschung fort und bilden dafür unterschiedliche theoretisch-methodologische Zugänge über biographische und psychoanalytische Ansätze aus. Erörterungen aus rezeptionsgeschichtlicher Blickrichtung sowie stoff- und motivbezogene Analysen werden um Perspektiven der Gender-Forschung erweitert. Somit eröffnet das Buch einen weiten Denkraum und ermöglicht zugleich eine zeit- und familiengeschichtliche Gedächtnisarbeit zur deutsch-jüdischen Identität und zum gattungsumfassenden Schaffen Kolmars, nicht zuletzt durch die Wiedergabe des Podiumsgesprächs zwischen Nachfahren und Wissenschaftler_innen verschiedener Disziplinen.

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Die Persönlichkeit Gertrud Kolmars aus psychoanalytischer Sicht Hubert Speidel

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Methodische Grundlagen Die Biographie Gertrud Kolmars1 lädt neben allem, was über die Dichterin zu sagen ist, auch ein – und lässt es geradezu als unentbehrlich erscheinen –, danach zu fragen, warum sie geworden ist, wie sie war bzw. wie sie uns in Gestalt der Schilderung ihrer Persönlichkeit überliefert ist. Dazu lassen sich mehrere wis- senschaftliche Modelle zu Rate ziehen, vor allem sozialhistorische, biologisch- genetische und psychologische. Unter letzteren darf die Psychoanalyse als besonders prädestiniert gelten, weil sie den umfassendsten und ergiebigsten theo- retischen und praktischen Fundus an Vorstellungen und Erfahrungen zu den Fragen der biographischen Bedingungen von Persönlichkeitsentwicklungen und -schicksalen formuliert hat. Dafür hat das Studium besonders der frühen Kind- heitsphasen, also der Lebenszeit, in welcher Menschen am prägbarsten sind, viele wertvolle Erkenntnisse geliefert. Allerdings ist ihre Stärke und ihr vorzüg- lichstes Erkenntnismittel der anwesende Patient, dessen Einfälle, Erinnerungen, Berichte, vor allem dessen Motivation sich anzuvertrauen und dem Psychoanaly- tiker damit die Gelegenheit zu geben, mit ihm gemeinsam einen Erkenntnispro- zess zu initiieren und dadurch Einsichten zu gewinnen, die zum Nutzen eines besseren Lebens verwendet werden können. Diese Arbeitsbedingung, aus der heraus die Psychoanalyse überhaupt entstan- den ist, fehlt als Erkenntnismittel bei historischen Persönlichkeiten. Bei ihnen müssen wir das vorhandene biographische Material – Eigenbericht, Fremdbe- richt, künstlerische Äußerungsformen – mit aller Vorsicht auf sein Verständnis- und Erklärungspotenzial hin wägen und nach allen möglichen Dimensionen befragen. Als Beispiel für diese modifizierte angewandte Psychoanalyse und...

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