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Dichten wider die Unzeit

Textkritische Beiträge zu Gertrud Kolmar

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Edited By Ilse Nagelschmidt, Almut Nickel and Jochanan Trilse-Finkelstein

Der Sammelband zur internationalen Tagung «Fremd unter den Menschen» in Weimar 2010 vereinigt Beiträge zur Poetik und Textologie der Dichterin Gertrud Kolmar, die im Jahr 1943 ihr Leben in Auschwitz verlor. Die Aufsätze führen die Diskussion um eine außerständige Lyrikerin, Dramatikerin und Prosa-Autorin auf der textkritischen Ebene interdisziplinärer Forschung fort und bilden dafür unterschiedliche theoretisch-methodologische Zugänge über biographische und psychoanalytische Ansätze aus. Erörterungen aus rezeptionsgeschichtlicher Blickrichtung sowie stoff- und motivbezogene Analysen werden um Perspektiven der Gender-Forschung erweitert. Somit eröffnet das Buch einen weiten Denkraum und ermöglicht zugleich eine zeit- und familiengeschichtliche Gedächtnisarbeit zur deutsch-jüdischen Identität und zum gattungsumfassenden Schaffen Kolmars, nicht zuletzt durch die Wiedergabe des Podiumsgesprächs zwischen Nachfahren und Wissenschaftler_innen verschiedener Disziplinen.

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Zwischen Fluch und Erwähltsein – Das Leben auf der Grenze. Gertrud Kolmar (1894–1943) Ilse Nagelschmidt

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1. Näherung an ein Leben Das Jahr 1930 ist für Gertrud Chodziesner, wie Gertrud Kolmar mit bürger- lichem Namen heißt, in vielerlei Hinsicht zu einem Schicksalsjahr geworden. In diesem Jahr stirbt ihre Mutter, und die Tochter, die über Jahre hinweg die Pflege der Schwerkranken übernommen hatte, beschließt beim Vater, einem erfolgrei- chen Rechtsanwalt und Notar, zu bleiben und diesem den Haushalt zu führen. Die Sterne ihrer Jugendzeit sind günstig gewesen, die jüdische Familie, assimi- liert und deutschnational, gehört zum Berliner Großbürgertum mit den dazu zählenden äußeren Attributen eines großzügigen Hauses im Berliner Nobelvorort Westend bis hin zur stattlichen Zahl der Hausangestellten. Geboren ist sie 1894, die Ausbildung verläuft zunächst zielgerichtet. Sie verfügt über den Abschluss der Höheren Töchterschule, so heißen die Privatschulen mit staatlicher Lizenz im Deutschland des Kaiserreiches. Unmittelbar nach dem Abitur schließt sich die Ausbildung für „Töchter gebildeten Standes“ an der Landesfrauenschule Arvedshof in Sachsen an. Damit ist die direkte Orientierung auf das spätere Ehe- leben als gut vorbereitete Hausfrau und Mutter gegeben, die den Rollenerwar- tungen ihrer Zeit in allen Belangen nachkommen soll. Doch die junge Frau wird keine Ehe eingehen. Nach der Ausbildung – sie ver- fügt über das Lehrerinnen- und Sprachexamen für Französisch und Englisch – folgen Tätigkeiten als Hauslehrerin und Erzieherin. Am Ende des Ersten Welt- kriegs ist sie als Dolmetscherin für Englisch und Französisch...

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