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Dichten wider die Unzeit

Textkritische Beiträge zu Gertrud Kolmar

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Edited By Ilse Nagelschmidt, Almut Nickel and Jochanan Trilse-Finkelstein

Der Sammelband zur internationalen Tagung «Fremd unter den Menschen» in Weimar 2010 vereinigt Beiträge zur Poetik und Textologie der Dichterin Gertrud Kolmar, die im Jahr 1943 ihr Leben in Auschwitz verlor. Die Aufsätze führen die Diskussion um eine außerständige Lyrikerin, Dramatikerin und Prosa-Autorin auf der textkritischen Ebene interdisziplinärer Forschung fort und bilden dafür unterschiedliche theoretisch-methodologische Zugänge über biographische und psychoanalytische Ansätze aus. Erörterungen aus rezeptionsgeschichtlicher Blickrichtung sowie stoff- und motivbezogene Analysen werden um Perspektiven der Gender-Forschung erweitert. Somit eröffnet das Buch einen weiten Denkraum und ermöglicht zugleich eine zeit- und familiengeschichtliche Gedächtnisarbeit zur deutsch-jüdischen Identität und zum gattungsumfassenden Schaffen Kolmars, nicht zuletzt durch die Wiedergabe des Podiumsgesprächs zwischen Nachfahren und Wissenschaftler_innen verschiedener Disziplinen.

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Hommage an Gertrud Kolmar von Rolf Hochhuth

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Gertrud Kolmar-Elegien I Wer ihre Augen kennt, argwöhnt entsetzt, die hätten vorausgesehen, was ihr und sechs Millionen ihresgleichen von Deutschen angetan werde... Nein, dies Novum der Geschichte: Wegätzung eines ganzen Volkes, Einfall eines Kranken, konnte keiner ahnen als der Urheber! Gertrud schreibt der Schwester nach England: Auch „kommt nur eine Gestaltung in Frage, bei der die Vaters mitinbegriffen ist.“ …Verlässt ihn nicht im siegbesoffnen Jubel-Berlin – der Alte bekam nirgendwohin sein Affidavit. Seit Kriegsbeginn macht Gertrud Zwangsarbeit: zehn Stunden-Tage, Wochenlohn 20 Mark. Bei 50 Grad Celsius mit Heißleim Wellpappen kleben. Weg zur Fabrik mit Judenstern: Spießrutenlauf, zwei Stunden. Kein eignes Zimmer, da umquartiert ins ‚Judenhaus‘. Briefe bezeugen Verdrängung – stets Lebenselixier der Hoffnungslosen: Ahnen zwar, doch glauben nicht die Ermordung, obschon längst praktiziert an denen, die in der Rüstung nicht „unabkömmlich“ sind. Verdrängung noch 60 Jahre, seitdem sich Hitler in den Mund schoss. Auch Juden verdrängen als Chronisten: Die Alten seien noch, so Gertruds Vater, „eines natürlichen Todes gestorben“! 198 Nein: Theresienstadt nur Umsteige-Bahnhof ins Gas – Tarnkappe fürs Rote Kreuz, das alles wusste, aber dennoch schwieg zum ersten Mord, der Kursbuch-Zusätze der Reichsbahn nötig machte: Allein aus Berlin 62 „Osttransporte“... 20 Pfund Gepäck erlaubt ab den Verladerampen. Tage dauern meist die Todtransporte; keine Essenspausen, Waggons ohne Klo! In Saloniki – nur ein Detail – Rausriss der Goldzähne schon vor der Abfahrt: Niemand in glückverdummter Nachwelt ahnt, wie Entsetzen hochstieg bis zur Kehle, mit der Gewissheit...

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