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Im Wirrwarr der Meinungen

Zwei deutsche Antifaschisten und ihre Stimmen

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Kurt Nelhiebel

Im Wirrwarr der Meinungen, die um ihn herum herrschten, habe er keinen leichten Stand, schrieb Eugen Nelhiebel am 25. März 1945 seinem zur Wehrmacht eingezogenen Sohn Kurt. Auch in der nordböhmischen Heimat der beiden war die Kluft zwischen der Goebbelsschen Propaganda und den realen Erfahrungen des Einzelnen unübersehbar geworden und das Überleben für Antifaschisten gefährdeter denn je. Die hier zum ersten Mal veröffentlichte Korrespondenz zwischen dem Vater und seinem knapp 18-jährigen Sohn bezeugt das auf bemerkenswerte Weise. Kurts Tagebuch dokumentiert die Situation nach Kriegsende und die unvermeidliche Übersiedlung nach Westdeutschland. Die einmaligen Texte beleuchten ein historisches Geschehen, das immer noch von NS-Propaganda und völkischem Denken umschattet ist. Weitere Dokumente und Essays Kurt Nelhiebels behandeln das schwierige Weiterleben antifaschistischer Traditionen. Durch ihre ungewöhnliche Klarsicht heben sie sich deutlich ab vom gängigen Wirrwarr der Meinungen.

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1. Der Antifaschismus – erinnerndes Plädoyer für eine geistige und politische Haltung

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Ist es nicht eigenartig, dass in heute gängigen Darstellungen der europäischen Ge- schichte mehr über ein vermeintliches »Hineinschlittern« der Großmächte in den Er- sten Weltkrieg, über den Rassismus und die Kriegsverbrechen des NS-Regimes, über »ethnische Säuberungen« oder den »Totalitarismus« geredet wird als über diejenigen, die in Opposition zu all dem standen? Ist es nicht eigenartig, dass wir uns mehr an die Verantwortlichen für all jene Verbrechen, Kriege und gewaltsamen Unterdrückungen erinnern als an ihre Kritiker, ihre Gegner und all diejenigen, denen demokratische Ideale zur politischen Orientierung verholfen haben, zu denen wir uns heute beken- nen? Solche Menschen lebten in allen Staaten und fi nden sich unter den Angehörigen aller Nationen. Sie führten untereinander keine ›nationalen Kämpfe‹ oder gar Kriege, sondern teilten universale humanistische Wertvorstellungen und bemühten sich je nach Situation und eigenen Möglichkeiten um deren Durchsetzung. In ihrer Summe bilden sie jenes übernationale Milieu, das zumeist als »Antifaschismus« bezeichnet wird. Darunter hat man sich keine wohl organisierte, einheitliche Bewegung vorzu- stellen, wohl aber eine kulturhistorisch gesehen höchst bemerkenswerte europäische Tradition des 20. Jahrhunderts. Der chinesische Literaturwissenschaftler Ren Guoqi- ang wirbt mit einem breiten, eingängigen Begriff sverständnis für eine Rehabilitation dieser Tradition: »In Wirklichkeit ist Antifaschismus eher der Kampf von Mensch- lichkeit gegen Unmenschlichkeit, Recht gegen Unrecht, nicht aber nur der Kampf zwischen unterschiedlichen Ideologien. Die politisch-gesellschaftliche Umwälzung zwingt direkt oder indirekt zu politischer Stellungnahme, unabhängig davon, ob sich der Betreff ende...

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