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Im Wirrwarr der Meinungen

Zwei deutsche Antifaschisten und ihre Stimmen

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Kurt Nelhiebel

Im Wirrwarr der Meinungen, die um ihn herum herrschten, habe er keinen leichten Stand, schrieb Eugen Nelhiebel am 25. März 1945 seinem zur Wehrmacht eingezogenen Sohn Kurt. Auch in der nordböhmischen Heimat der beiden war die Kluft zwischen der Goebbelsschen Propaganda und den realen Erfahrungen des Einzelnen unübersehbar geworden und das Überleben für Antifaschisten gefährdeter denn je. Die hier zum ersten Mal veröffentlichte Korrespondenz zwischen dem Vater und seinem knapp 18-jährigen Sohn bezeugt das auf bemerkenswerte Weise. Kurts Tagebuch dokumentiert die Situation nach Kriegsende und die unvermeidliche Übersiedlung nach Westdeutschland. Die einmaligen Texte beleuchten ein historisches Geschehen, das immer noch von NS-Propaganda und völkischem Denken umschattet ist. Weitere Dokumente und Essays Kurt Nelhiebels behandeln das schwierige Weiterleben antifaschistischer Traditionen. Durch ihre ungewöhnliche Klarsicht heben sie sich deutlich ab vom gängigen Wirrwarr der Meinungen.

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4. Der Brief des Vaters

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Heiß wie im Hochsommer brennt die Sonne von einem wolkenlosen Himmel. Vor wenigen Stunden ist der zweite Weltkrieg zu Ende gegangen und ich bin auf dem Weg zurück in die Heimat. Anfang Mai war ich in Berlin-Spandau als junger Soldat in so- wjetische Gefangenschaft geraten. Inmitten einer endlosen Kolonne von Kriegsgefan- genen verließ ich die eingekesselte Hauptstadt. Nach drei Tagen konnte ich nachts in Trebbin fl iehen. Am nächsten Tag, so war uns gesagt worden, sollten wir von Jüterbog aus per Bahn nach Sibirien verfrachtet werden. Fünf Tage und fünf Nächte suchte ich Schutz im Dickicht der Wälder, bis mich der Hunger eines Morgens in der Nähe von Treuenbrietzen hinaustrieb auf die Straße. Dort fi el ich abermals Rotarmisten in die Hände. Obwohl ich noch Uniform trug, re- deten sie lachend auf mich ein. Ich fragte nach etwas Essbarem und bekam ein Stück Schwarzbrot sowie ein halbes Kochgeschirr voll Zucker. Die Soldaten gaben mir zu verstehen, dass die deutsche Wehrmacht in der Nacht kapituliert hatte, banden mir einen Fetzen weißen Stoff s um den linken Arm und ließen mich mit einem heiseren „Nach Chause - Vojna kaputt” weiterziehen. Als ich im Laufe des Tages am Straßenrand eine helle Windbluse fand, tauschte ich sie kurz entschlossen gegen meine Uniformjacke, die ich in einem Anfl ug von Übermut mit einem Fußtritt in die Zweige eines Haselnussstrauches beförderte. Seit ich das neue Kleidungsstück trage, bin ich...

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