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Im Wirrwarr der Meinungen

Zwei deutsche Antifaschisten und ihre Stimmen

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Kurt Nelhiebel

Im Wirrwarr der Meinungen, die um ihn herum herrschten, habe er keinen leichten Stand, schrieb Eugen Nelhiebel am 25. März 1945 seinem zur Wehrmacht eingezogenen Sohn Kurt. Auch in der nordböhmischen Heimat der beiden war die Kluft zwischen der Goebbelsschen Propaganda und den realen Erfahrungen des Einzelnen unübersehbar geworden und das Überleben für Antifaschisten gefährdeter denn je. Die hier zum ersten Mal veröffentlichte Korrespondenz zwischen dem Vater und seinem knapp 18-jährigen Sohn bezeugt das auf bemerkenswerte Weise. Kurts Tagebuch dokumentiert die Situation nach Kriegsende und die unvermeidliche Übersiedlung nach Westdeutschland. Die einmaligen Texte beleuchten ein historisches Geschehen, das immer noch von NS-Propaganda und völkischem Denken umschattet ist. Weitere Dokumente und Essays Kurt Nelhiebels behandeln das schwierige Weiterleben antifaschistischer Traditionen. Durch ihre ungewöhnliche Klarsicht heben sie sich deutlich ab vom gängigen Wirrwarr der Meinungen.

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5. Die Welt des Leutnants Kučera

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Auf der böhmischen Seite des Riesengebirges gibt es einen kleinen Ort namens Kalná Voda. Er liegt an der alten Landstraße, die von der Kreisstadt Trutnov ins Gebir- ge führt. Sein deutscher Name lautete Trübenwasser. Dort hatten die provisorischen tschechischen Behörden 1945 auf einer Wiese direkt neben der Straße ein Sammella- ger für ehemalige Nazianhänger eingerichtet. Es bestand aus einer alten, von Stachel- draht umzäunten Holzbaracke, in der während des zweiten Weltkrieges ausländische Zwangsarbeiter untergebracht waren. Das Lager unterstand einem jungen Leutnant namens Kučera vom Garnisonskommando der tschechischen Armee in Trutnov. Bei ihm musste ich mich am 14. Juni 1945 nach meiner Flucht aus sowjetischer Kriegs- gefangenschaft melden. Mein Vater begleitete mich. Er sprach fl ießend Tschechisch und versuchte dem Leutnant klar zu machen, dass nicht alle Sudetendeutschen Nazis gewesen sind. Aber der ließ sich nicht erweichen. Er habe seine Befehle und könne keine Ausnahme machen. In Wirklichkeit gab es weder damals noch später eine rechtliche Handhabe, jemanden wegen bloßer Zugehörigkeit zur deutschen Wehrmacht in Gewahrsam zu nehmen. Nicht einmal das Dekret des Präsidenten der Tschechoslowakischen Repu- blik, Edvard Beneš, vom 19. Juni 1945 über die – wie es hieß – „Bestrafung nazis- tischer Verbrecher, der Verräter und ihrer Helfershelfer“ sah das vor. Am Ende blieb mir das Lager aber nicht erspart. Dort begegnete ich meinem ehe- maligen Deutschlehrer Dr. Klinger vom Wirtschaftsgymnasium (ehemals Handelsa- kademie) in Trautenau, dem ich meine Fünf in...

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