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Im Wirrwarr der Meinungen

Zwei deutsche Antifaschisten und ihre Stimmen

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Kurt Nelhiebel

Im Wirrwarr der Meinungen, die um ihn herum herrschten, habe er keinen leichten Stand, schrieb Eugen Nelhiebel am 25. März 1945 seinem zur Wehrmacht eingezogenen Sohn Kurt. Auch in der nordböhmischen Heimat der beiden war die Kluft zwischen der Goebbelsschen Propaganda und den realen Erfahrungen des Einzelnen unübersehbar geworden und das Überleben für Antifaschisten gefährdeter denn je. Die hier zum ersten Mal veröffentlichte Korrespondenz zwischen dem Vater und seinem knapp 18-jährigen Sohn bezeugt das auf bemerkenswerte Weise. Kurts Tagebuch dokumentiert die Situation nach Kriegsende und die unvermeidliche Übersiedlung nach Westdeutschland. Die einmaligen Texte beleuchten ein historisches Geschehen, das immer noch von NS-Propaganda und völkischem Denken umschattet ist. Weitere Dokumente und Essays Kurt Nelhiebels behandeln das schwierige Weiterleben antifaschistischer Traditionen. Durch ihre ungewöhnliche Klarsicht heben sie sich deutlich ab vom gängigen Wirrwarr der Meinungen.

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12. Die Charta der deutschen Heimatvertriebenen

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Ursprung und Rezeption eines umstrittenen Dokuments Wer in der „Chronik des 20. Jahrhunderts“1 das Geburtsjahr der Charta der deut- schen Heimatvertriebenen aufschlägt, fi ndet auf Seite 742 unter dem 5. August 1950, dem Tag also, an dem das „wegweisende Dokument“2 unterzeichnet wurde, zwei Ver- merke. Der erste lautet: An der deutsch-französischen Grenze reißen 150 junge Leu- te aus Frankreich, der Bundesrepublik, Italien und Großbritannien Grenzschranken ein, um gegen die langsamen Fortschritte der europäischen Einigung zu protestie- ren. Dem anderen ist zu entnehmen, dass an jenem Tag die Amerikanerin Florence Chadwick den Ärmelkanal in der neuen Rekordzeit für Frauen von 13 Stunden und 23 Minuten durchschwommen hat. Von der Unterzeichnung der Charta kein Wort, auch nicht von deren Verkündung vor einhunderttausend Menschen in Stuttgart tags darauf. Die „Politische Zeittafel“ des Presse- und Informationsamtes der Bundesre- gierung für die Jahre 1949 bis 1979 widmet dem Ereignis lediglich fünf Zeilen;3 das 426 Seite starke Nachschlagewerk „Die Vertriebenen“,4 das mit Unterstützung des Bundesinnenministeriums gedruckt wurde, immerhin zehn. Keine sonderlich üppige Würdigung, verglichen mit der Bedeutung, die der Charta seit Jahrzehnten beige- messen wird, etwa in den Worten der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, die das Dokument als „herausragendes Zeugnisses der Selbstüberwindung und Versöhnung“5 bezeichnete.. Historiker halten die Charta der Heimatvertriebenen für „eine bemerkenswerte Quelle zur Frühgeschichte der Bundesrepublik Deutschland“,6 zeitlich gepaart mit dem Beginn des Koreakrieges und der zunehmenden Ost-West-Konfrontation,...

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