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Aneignung und Abgrenzung

Studien zur Relativität kultureller Grenzziehungen zwischen der französischen und der deutschsprachigen Literatur im 19. und 20. Jahrhundert

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Edited By Véronique Liard and Bernhard Spies

Die französische und die deutsche Kultur im 19. und 20. Jahrhundert haben gegeneinander nicht den Status eines Anderen, durch dessen Ausgrenzung sich ein Eigenes als exklusive kulturelle Qualität definieren ließe. Die nationalistischen Abgrenzungen, an denen es in der Geschichte nicht fehlt, unterbinden die kulturelle Stimulation über die Landesgrenzen hinweg keineswegs, sondern schließen vielfältige Vorgänge der Aneignung ein. Die Beiträge zu diesem Band studieren solche Vorgänge an im weitesten Sinn literarischen Texten aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Ihre Autorinnen und Autoren sind Germanisten, die als Doktoranden, Dozenten bzw. Professoren an der Université de Bourgogne in Dijon und an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz tätig sind.

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Vorbemerkung

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Seit dem Mittelalter erfolgt die kulturelle Entwicklung westlich wie östlich des Rheins in enger Verflechtung. Diese wurde auch dadurch nicht gelockert, dass sich in der Frühen Neuzeit eine französische und eine deutsche Nationalsprache herausbildeten, die in der Ära der Aufklärung auch zur Gelehrten- und Bildungs- sprache wurden. Eher im Gegenteil: Gerade die Kultur und namentlich die Lite- ratur der Aufklärung sind in nationalen Abgrenzungskategorien nicht zu fassen. Die Annahme liegt nahe, dass auch im 19. und 20. Jahrhundert kulturelle Unter- schiede entlang der Sprachgrenze keine andere Bedeutung haben als solche inner- halb der jeweiligen Sprachgemeinschaft, etwa diejenigen zwischen den Regio- nen, zwischen Stadt und Land oder zwischen den sozialen Klassen und Ständen. Jedenfalls ist nicht recht ersichtlich, wie die französische und die deutsche Kultur füreinander den Status eines Anderen haben können, durch dessen Ausgrenzung sich ein Eigenes als exklusive kulturelle Qualität definieren ließe. Alterität und Hybridität, die zentralen Kategorien der Postkolonialismus-Theorien, lassen sich daher nicht ohne weiteres auf das französisch-deutsche Kulturverhältnis übertra- gen. Um nur ein aktuelles Beispiel anzuführen: Wagners Opern – und zwar auch die nicht in Paris komponierten – wurden schon zu Lebzeiten des Komponisten in Frankreich eher mit größerer Offenheit aufgenommen als in Deutschland. Dieser rasch einsetzende und niemals wirklich unterbrochene Rezeptionsvorgang ist, wie viele vergleichbare andere, nur schwer gemäß dem Interpretationsmuster zu erfassen, dass beim Überschreiten einer Sprachgrenze zunächst die Einordnung als etwas Fremdes unvermeidlich sei; eine Einordnung, die allenfalls partiell...

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