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Autarke Kommunikation

Wissenstransfer in Zeiten von Fundamentalismen

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Edited By Matthias Ballod and Tilo Weber

Die Vielfalt der Kommunikationsformen und -anlässe in modernen Gesellschaften beinhaltet Chancen und Risiken gleichermaßen. Kommunikation lässt sich offenbar weder im Schriftlichen noch im Mündlichen beliebig beschleunigen oder verdichten. Eine mögliche Reaktion auf diese Überforderungen ist die Sehnsucht nach radikaler Komplexitätsreduktion – bis hin zur Flucht in Fundamentalismen, die ihrerseits neue Ängste heraufbeschwören. Wie können wir Phänomenen der Unerreichbarkeit kommunikationswissenschaftlich gerecht werden? In welchen gesellschaftlichen Domänen lassen sich Phänomene der kommunikativen Unerreichbarkeit beobachten? Welche Strategien zur Überwindung kommunikativer Unerreichbarkeit werden in der Praxis angewandt? Der Band versammelt Beiträge zum 8. Kolloquium «Transferwissenschaften», die sich aus unterschiedlichen Perspektiven den Problemen kommunikativer Autarkie nähern.

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II. Domänen des Fundamentalismus

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Immunisierung gegen Wissen und seinen Transfer. Zu den argumentativen Verfahren der Pseudowissenschaftlichkeit Winfried Thielmann (Chemnitz) 1 Vorüberlegungen Was ist Wissenschaft? Die Arbeiten der angelsächsischen Linguistik im Bereich der academic rhetoric, die auch in Deutschland immer mehr an Einfluss gewin- nen (z.B. Kretzenbacher 1997), geben hierauf eine scheinbar klare Antwort: Wissenschaft ist – in dieser Sichtweise – eine gesellschaftliche Unterneh- mung, die mit der Produktion von Wissen befasst ist. Was dabei als Wissen gilt – und als wissenschaftlich – ist Resultat der gesellschaftlichen Verfasstheit des Wissenschaftsbetriebes. Der herrschende Ansatz, der mainstream, bestimmt die jeweiligen wissenschaftlichen Innovationszonen, also die Gebiete der sogenann- ten ‚Spitzenforschung’. Der individuelle Wissenschaftler, der Karriere machen möchte, hat sich hier geeignet zu positionieren (Swales 1990). Er ist – und dies durchaus im krudesten wirtschaftlichen Sinne – der Vertreter, der salesman sei- ner Erkenntnisse, seiner Vorhaben, seiner Forscherpersönlichkeit schlechthin (Kaplan 1991). Die Texte, in denen er seine Erkenntnisse mitteilt, sind daher ein gutes Stück weit marketing. Nicht die Qualität seiner Erkenntnisse ist letztlich für seine Karriere entscheidend, sondern wie er sie verkauft (Bazerman 1998). Wissenschaft ist in erster Linie eine – hochspezialisierte – Verkaufsrhetorik des Wissens. Das Fundamentalgesetz dieses wissenschaftlichen Marktes ist hingegen nicht wirtschaftlicher, sondern sozialer Natur: Der mainstream, das „Paradig- ma“, eine spezifische Wirklichkeitskonstruktion, wird von zentralen Theorieträ- gern bestimmt, deren Aussterben die Möglichkeit für Umorientierung eröffnet (Kuhn 1962). Im Rahmen dieser hier von mir kurz skizzierten Betrachtungsweise werden drei wichtige Punkte außer Acht gelassen: 1. Das Verhältnis zwischen Wissenschaft und – wissenschaftlich...

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