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Mendelssohns «Ouvertüre zum Sommernachtstraum»

Mechanismen der Rezeptionsgeschichte: Musik und Literatur in der Romantik

Jörn Rieckhoff

Die Ouvertüre zum Sommernachtstraum war die Erfolgskomposition des jungen Felix Mendelssohn Bartholdy. Mit ihrer Mischung aus Verträumtheit und jugendlichem Elan eroberte Mendelssohn die Herzen der Engländer. Zugleich war die Ouvertüre eine Visitenkarte seiner literarischen Bildung: Das zugrunde liegende Drama von William Shakespeare hatten die Romantiker zu aktueller deutscher Literatur erklärt. Durch akribische Quellensichtungen und unter Rückgriff auf historische Analysetechniken gelingt es Jörn Rieckhoff, Mendelssohns Herangehensweise an den Sommernachtstraum zu rekonstruieren. Dabei erweist sich die berühmte Komposition als Experiment, bei dem Mendelssohn poetische Strukturen aus Shakespeares Drama in kreativer Weise auf das Formmodell der Konzertouvertüre übertrug.

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V Programmatische Interpretation

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1. Bezüge zwischen Mendelssohns Ouvertüre und Shakespeares Sommernachtstraum im Kontext von Mendelssohns Ästhetik Mendelssohn hat sich während seiner beruflichen Karriere konsequent gewei- gert, sich öffentlich zu seiner Musik zu äußern, so dass die Diskussion von pro- grammatischen Elementen in der Sommernachtstraum-Ouvertüre auf private und halb private Stellungnahmen aus seiner Korrespondenz als Quellenmaterial angewiesen ist. Die Ursache für Mendelssohns Haltung liegt in seiner Einschät- zung einer prinzipiellen Missverständlichkeit derartiger Äußerungen, die seiner Ansicht nach nur durch persönliche Einfühlung überbrückt werden kann: [...] ich spreche ungern über die Kunst mit andern, als solchen, wo ich gewiß bin, daß sie meinen Sinn heraus hören, und die Worte vergessen; mit denen kann ich über Kunst sprechen, für die anderen mache ich Musik, u[nd] sage: da steht es, nach dem Schlüssel habt ihr mich nicht zu fragen, er muß drin liegen, sonst hilft Euch keine Erklärung.468 Zum programmatischen Gehalt der Sommernachtstraum-Ouvertüre wie auch zu dem der anderen Konzertouvertüren sind nur wenige und interpretationsbedürf- tige Aussagen überliefert. Es ist daher sinnvoll, einige ästhetische Aussagen Mendelssohns zur Gattung der „Lieder ohne Worte“ heranzuziehen, mit denen er auf gezielte Fragen nach deren inhaltlicher Komponente reagierte. Dieses Vorgehen ist legitim, weil beide Gattungen – das „Lied ohne Worte“ und die Konzertouvertüre – im Verständnis von Mendelssohns Zeitgenossen eine we- sentliche Gemeinsamkeit haben: Sie legen einen inhaltlichen Subtext nahe, ohne dass dessen Verbindung zur Musik restlos aufgeklärt werden kann. Welch...

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