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Falsche Könige zwischen Thron und Galgen

Politische Hochstapelei von der Antike zur Moderne

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Gerhard Menzel

Das Phänomen politisch relevanter Hochstapelei, das heißt falscher Thronbewerber, die zeitweilig Herrschaft ausübten, Aufstände entfesselten, diplomatische Wirrungen verursachten, zumindest aber harte Sanktionen provozierten, begleitet die Geschichte der Monarchien von der Antike bis ins 19. Jahrhundert. Zwar sind die prominenteren Fälle vielfach untersucht worden, aber nur selten wurde das Thema in größeren Zusammenhängen fachhistorisch aufgegriffen. Eine Gesamtschau wurde vor allem populären Sammelbiographien überlassen. Ohne die darstellende Tradition dieser Sammelwerke gänzlich aufzugeben, orientiert sich diese Arbeit streng an den Quellen und der wissenschaftlichen Literatur. Sie bezieht bisher oft vernachlässigte Epochen und Räume ein, greift die Diskussion um Identitätsfragen und politische Hintergründe der Prätendenten auf, setzt die Einzelfälle in historische Zusammenhänge und öffnet den Blick auf die Rezeption des Themas in der schönen Literatur.

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VI. Aus der Wunderwelt des Mittelalters: Balduin von Flandern

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Zu der wunderlichen Geschichte des falschen oder echten Grafen Balduin von Flandern bemerkte der Schriftsteller Julien Le Rousseau 1854,1 es handele sich um einen historischen Stoff, der eigentlich die dichterische Phantasie eines Shakespeares, Racines, Goethes oder Schillers entzünden hätte müssen. Das prallbunte Leben des Mittelalters mit Rittertum, Kreuzzügen und Abenteuern in den geheimnisvollen Regionen des Ostens, mit seiner Pilger-und Eremiten- frömmigkeit, mit Bürgerstolz und Bettlerwesen, Adels- und Mönchsintrigen, Minnesängern, Schelmenstreichen, Liebschaften hoher Damen und dergleichen mehr, finde sich in der Geschichte Balduins wie in einem Brennglas gebündelt wieder. Le Rousseau mag etwas übertreiben, unstrittig aber ist, dass das Auftre- ten des falschen Balduin in vieler Hinsicht das Muster für eine ganze Reihe ähn- licher Aventuren abgegeben hat. Die Historie des falschen Balduin soll deshalb der Geschichte anderer „falscher Könige“ des Mittelalters vorangestellt werden. Einführung: Die Bühne, auf der sich die Schelmengeschichte oder wenn man will die Tragödie des falschen Balduin abspielte, war das mittelalterliche Flan- dern – also die heute belgische Region zwischen dem Schelde-Fluss und dem Meer. Die damalige Grafschaft Flandern, teils nominell der Krone Frankreichs, teils dem deutschen Reich lehnsuntertänig, war um 1200 eine der fortgeschrit- tensten Regionen Europas. In den aufblühenden Gewerbestädten hatte sich ein vielseitiges Textilgewerbe entwickelt, dessen Erzeugnisse von Skandinavien bis nach Italien begehrt waren. Die flandrischen Städte wurden von Kaufleuten aus ganz Europa aufgesucht, sie wurden zum Dreh-und Angelpunkt des internatio- nalen Handels und Geldwesens. Die...

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