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Trennungsoperationen siamesischer Zwillinge

Eine Untersuchung des deutschen, englischen und australischen Strafrechts

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Kathrin Wolf

Die operativen Trennungen siamesischer Zwillinge durch Ärzte fordern nicht nur die medizinische Wissenschaft heraus, sondern auch die Rechtswissenschaft. Sie zwingen zur Aufarbeitung zahlreicher theoretischer Ansätze in Rechtsprechung und Wissenschaft. Viele Trennungsoperationen sind rechtlich unstreitig. Trennungsoperationen bei Zwillingen, die ein lebenswichtiges Organ teilen und zum Tod des einen Zwillings führen, sind jedoch moralisch, ethisch und rechtlich sehr komplex. In jüngster Vergangenheit haben Richter in zwei Urteilen – der englische Fall Re A (children) (conjoined twins: surgical separation) [2000] 4 All ER 961 und der australische Fall State of Queensland v Alyssa Nolan & Anor [2001] QSC 174 – entschieden, dass Trennungsoperationen siamesischer Zwillinge nicht gegen das Strafrecht verstoßen, selbst wenn einer der Zwillinge bei der Operation stirbt. Deutsche Gerichte haben sich mit diesen Fällen noch nicht befassen müssen. Der besondere Anreiz dieser Arbeit besteht in der Gegenüberstellung von deutschem, englischem und australischem Strafrecht und Rechtsprechung und einer möglichen Antwort auf die Frage, wie das deutsche Recht auf Trennungsoperationen reagieren kann.

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Erster Teil: Grundlagen

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28 29 § 2 Geschichtlicher Hintergrund Das frühe Beispiel verbundener Zwillinge ist eine 17 cm große Marmorstatue namens „Die doppelte Gottheit“ aus dem 6. Jahrtausend vor Christus.17 In der Literatur wird von dem etwa im Jahre 2700 vor Christus entstandenen Abbild siamesischer Zwillinge in der Felsenmalerei der Aborigines berichtet.18 Die Ge- schwister von Catalhoyuk sowie eine Darstellung von Pygopagen im Museum von San Marco in Florenz (80 vor Christus) stellen weitere Abbildungen von siamesischen Zwillingen dar.19 Welchen Status siamesische Zwillinge in der Gesellschaft einnahmen, variier- te mit den Zeitaltern und Kulturkreisen. Sie nahmen die Stellung von Gottheiten ein, wie Darstellungen von Doppelbildungen in den Tempeln der ältesten Stadt der Welt, Catal Hüyük20 und mexikanische Figuren aus dem Jahr 1500 bis 500 vor Christus, zeigen.21 Hingewiesen wird auch auf einen Pharao, der anord- nete, einen „Verwachsenen“ möglichst schnell in seine Residenz zu bringen.22 Der römische Gott Janus sei als ein weiteres Beispiel für die Verehrung von Doppelbildungen genannt. Auch Athene wird in der altgriechischen Mythologie aus dem Haupte Zeus geboren, was an eine Fehlbildung denken lässt.23 Es gab jedoch nicht nur im altmesopotamischen Kulturkreis verschiedene Fabelwesen, die auf Doppelmissbildungen beruhen: so etwa Tiere mit mehreren Köpfen oder Götter mit mehreren Armen wie die indische Gottheit Kali, die die Verkörperung des Zornes darstellt, oder auch Shiva („der Glücksverheißende“). Doppelfehlbildungen wurden jedoch nicht immer positiv bewertet. Im Alter- tum wurden schwere körperliche Abnormalitäten als eine Warnung Gottes gese- 17...

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