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Die Grazie tanzt

Schreibweisen Christoph Martin Wielands

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Edited By Miriam Seidler

«Die Kinder des Geistes werden schnell und mit Vergnügen gezeuget;» schreibt Christoph Martin Wieland im April 1758 an seinen Freund, den Mediziner Johann Georg Zimmermann, «aber dann folget viel Mühe und Arbeit, sie zu bilden, zu polieren und zur Reiffe zu bringen.» Dieses Ringen um die formale Gestaltung und ästhetische Wirkung seiner Werke spielt für Wieland eine große Rolle, wird aber in der Forschungsliteratur kaum beachtet. Aus Anlass des 200. Todestages des Autors im Jahr 2013 erkundet dieser Sammelband die Vielfalt der Schreibweisen im Werk des Aufklärers und ermöglicht damit einen Blick auf bislang unbekannte Facetten des umfangreichen Werkes.

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ERPROBUNG VON SCHREIBSTRATEGIEN

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JULIA STEINER Das Prosimetrum in Wielands Grazien als verlebendigende Schreibweise „Anmut und Grazie sind Trumpf bei den Turnerinnen“1 titelt ein deutsches Nachrichtenmagazin während der Olympischen Spiele in London 2012. Auch liest man in den Feuilletons etwa von „[der] Grazie der Geste“2, oder von der „Verteidigung der Anmut nach dem Abschied des Theaters vom Anmuts- zwang“3. ›Grazie‹, so scheint es, bezeichnet die ästhetische Qualität des Sports, des Tanzes, eben der Bewegung. Diese Begriffsverengung der ›Grazie‹ auf ihre Charakterisierung als Schönheit in Bewegung wurzelt in der Ästhetik des 18. Jahrhunderts, für die ›Anmut und Grazie‹ Schlüsselbegriffe darstellen.4 Sie belegt zugleich den von Dirk Oschmann konstatierten „Siegeszug des Bewe- gungsbegriffes [im 18. Jahrhundert, J.S.], der alle Lebensbereiche zu durch- dringen und schließlich zu strukturieren beginnt“,5 und der offenbar bis heute nachwirkt. In dieser ›dynamischen‹ Bedeutung findet sich ›Grazie‹ auch bei Christoph Martin Wieland, wenngleich er sich nicht nur auf diesen einen Aspekt von ›Grazie‹ beschränkt, sondern sie in seiner Musarion gar zur „Philosophie“, „nach welcher ich lebe“6, wie er gegenüber Weisse gesteht, erhebt.7 Mit dieser „gültigste[n] Verkörperung“8 der ›Grazie‹ in Musarion ist das Thema jedoch für Wieland noch nicht ad acta gelegt. Vielmehr greift er es in den Grazien (1770) 1 http://www.focus.de/fotos/anmut-und-grazie-sind-trumpf-bei-den-turnerinnen_mid_ 1118256.html (vom 02.08.2012) [Zugriff am 16.12.2012] 2 http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/buehne_konzert/die-grazie-der-geste-1.17794890 (vom 14.11.2012) [Zugriff am 16.12.2012] 3 http://www.zeit.de/2009/28/Nachruf-Pina-Bausch (vom 01.07.2009) [Zugriff am 16.12.2012] 4 Bereits in Ciceros „cum venustate moveatur“ finden...

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