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Selektive Modernisierung und Strukturstabilität

Anpassungsmuster der Old Order Amischgemeinschaft

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Axel Schmidt

Amischgemeinschaften in Nordamerika bestehen seit 300 Jahren in einer sie umschließenden Moderne. Es gelingt ihnen, ihre typischen Traditionsformen und Lebensweisen beharrlich und erfolgreich über lange Zeiträume aufrechtzuerhalten und sich als religiöse Minderheit zu behaupten. Um zu erklären, wie dies möglich ist, untersucht der Autor verschiedene Aspekte von Beständigkeit und Wandel in der Amischgemeinschaft. Es stellt sich heraus, dass Entscheidungsfindungen im religiösen und im weltlichen Bereich sich an bestimmten Kriterien orientieren. Diese werden in verschiedenen Modellen dargestellt, die über die bislang vorliegenden Erklärungsversuche von Einzelfallexplikation hinausgehen. Konkrete Zielsetzung der Arbeit ist es, die außergewöhnliche Stabilität dieser in sich abgeschlossenen Gemeinschaft durch die Selektive Modernisierung zu erklären.

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2 Bisherige Forschungsansätze zur Erklärung der Auswahlmechanismen

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„Ordnung becomes the taken-for-granted reality – the way things are […]110 schreibt Lachman Siebert in ihrer Abhandlung „Education in Paradise“111 und meint damit die von den Amisch selbst so bezeichnete „Ordnung“, die bestimm- te Verhaltensweisen vorschreibt und andere verbietet. Die Regeln des jeweiligen church districts gelten für das Verhalten im Alltag und können in einzelnen Kir- chenbezirken etwas voneinander abweichen.112 Die regulierende Funktion der Ordnung ist es, „Linie zu halten“, auch wenn Veränderungen eintreten. Es gibt festgelegte Regeln etwa in Bezug auf Haartracht, Kleidungsmuster, Benutzung der Pferdekraft, Sprachdialekt, Gottesdienstordnung, Endogamie,113 Verwen- dung von Kraftfahrzeugen und Treckern, von Elektrizität, Zentralheizung, Tep- pichboden, Scheidung, Schmuck, Flugzeug und Telefon. „The Amish are a people of separation“, so beginnt Donald B. Kraybill seinen Aufsatz „The Struggle to Be Separate“ und betont, dass die Amischen seit der Anfangszeit 1525 in Zürich immer eine Gruppe waren, die für Weltabgewandtheit kämpfte und für sich bleiben wollte.114 Die Abgewandtheit war eine doppelte: Separation von der Kirche und vom Staat wie auch Abkehr vom „Bösen“ der Gesellschaft. Da Kirche, Staat und Gesellschaft im 16. Jahrhundert kaum ausdifferenziert wa- ren, war es faktisch eine Absonderung von allem, also eine Totalseparation. De- ren zwei typische Handlungsweisen – Erwachsenentaufe und die unbedingte Unterwerfung unter die Regeln der Glaubensgemeinschaft – veranlassten religi- öse wie auch weltliche Machtinhaber zur Verfolgung dieser Gruppe. Drei we- sentliche Faktoren bestimmen für Steven M. Nolt die Besonderheit der Old Or- der Amish noch heute: „migration histories, understandings of Ordnung,...

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