Show Less

«Nach Schottland also!»

Schottlandwahrnehmungen und Deutungen deutscher Reisender zwischen Romantik und Sachlichkeit von 1800-1870

Series:

Thomas Zabel

Die Studie geht einem bisher kaum behandelten Aspekt der Romantik nach, der Scotophilie. Es handelt sich dabei um eine perzeptions- und mentalitätsgeschichtliche Entwicklung Schottlands und Deutschlands. Ziel der Studie ist die Rekonstruktion der Wirklichkeitsauffassung deutscher Reisender anhand ihrer publizierten Erfahrungsberichte, nicht die Wirklichkeit selbst. Aufgrund der Vielschichtigkeit einer kulturwissenschaftlichen Untersuchung ist die Methode interdisziplinär und synthetisch ausgelegt, um den zeitgeistbedingten Deutungskontext philosophisch und kulturhistorisch zu fassen. Die Wahrnehmung des Fremden aus der Sicht des Eigenen ist dabei von besonderer Bedeutung. Sie prägt letztlich ein klischeehaftes und verklärtes Bild von Schottland, das bis in unsere Tage bestand hat.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

IV. Schlussbetrachtung

Extract

Johann Georg Kohl schrieb beim Betrachten einer Highlandszene, die ein schot- tischer Maler auf Leinwand gebannt hatte, dass alle Beschreibungen von Bildern stets nur unvollkommen sein könnten und es dem Betrachter deshalb nicht gut zu Gesicht stünde, über das Gemälde selbst zu urteilen. Im übertragenen Sinne eine überaus treffende Metapher für die Schottlandwahrnehmung des 19. Jahr- hunderts. Beobachtungen konnten nur selektiv sein. Das Wenige, was einem Be- sucher vor die Augen trat, reduzierte sich in textualisierter Form zu Ausschnitten – Momentaufnahmen einer Kultur im dynamischen Prozess des Reisens. Von den kleinsten Teilen auf das Ganze zu schließen war unmöglich, und doch taten dies nahezu alle. Ein Modell von Schottland war die Folge, nicht aber die (gan- ze) Wirklichkeit. Auf der einen Seite wurde die romantische Idylle übersteigert, und, wenn nicht vorgefunden, konstruiert, auf der anderen Seite aber auch mit Szenen bitterer Armut und roher Barbarei konterkariert. Beide Wahrnehmungen wurden gerne ungeprüft auf das gesamte Land übertragen. Kategorisierungen und Stereotypen prägten schon im 19. Jahrhundert, wie seit jeher und noch bis heute, die Deutungsmuster alles Fremden und jeder Fremde. Ersteindrücke, gleichgültig ob direkt beobachtet oder mittelbar erfahren, waren dabei stets wahrnehmungsleitend und dominierten, ausgehend von der Wahrnehmungsepo- che und der individuellen Mentalität, das persönliche Schottlandbild bzw. des- sen Vermittlung in und Verbreitung über einen Erfahrungsbericht. Was man nördlich des Tweed beobachten konnte, so Kohl weiter, war lediglich eine har- monische Gesamtpräsentation, bestehend aus einzelnen Ideen, die „leicht und...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.