Show Less

Don Juan Tenorio

Zur Vorgeschichte des Don Juan-Stoffes in der europäischen Volksüberlieferung

Leander Petzoldt

Einer der großen Stoffe der Weltliteratur wird hier zu seinen Ursprüngen zurückverfolgt. Die Spannweite reicht vom archaischen Totenkult über christliche Exegese im barocken Predigtexempel bis hin zu da Ponte/Mozarts Don Giovanni. Dabei wird deutlich, wie sich der Stoff verschiedenen Gattungen anverwandelt und sich unterschiedlicher Medien bedient. Breiten Raum nehmen dabei einschlägige Glaubensvorstellungen und Volkserzählungen vom Steinernen Gast und vom Beleidigten Totenschädel, die tendenziös theologisch-politischen Bearbeitungen des Stoffes im Jesuitendrama (Leontius) und seine Trivialisierung im Puppenspiel und Volksschauspiel ein. Der Autor stellt Quellenmaterial aus über zwanzig Ethnien zu Verfügung, das in dieser Vollständigkeit bisher einmalig ist.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

Teil II: Volksglaubensmässige Vorstellungen und brauchtümliche Elemente in der Sage

Extract

A. Der lebende Leichnam Bei der Betrachtung des dargebotenen mündlichen Variantenmaterials fällt auf, dass der Tote, in welcher Gestalt er auch immer bei seinen Besuchen erscheint, durchaus körperlich gedacht ist. Er spricht und handelt wie ein Lebender, und er fordert die gleichen Rechte und Rücksichten wie der Lebende.270 Hierbei spielt es keine Rolle, ob der Besucher des Friedhofs einen Totenschädel wie in den irischen Sagen, einen Oberschenkelknochen wie in Island,271 einen Gehenkten wie in mecklenburgischen Versionen,272 ein Gerippe273 oder eine Statue274 ein- lädt. In seinen Aktionsmöglichkeiten unterscheidet sich der Tote im Bewusst- sein der Erzähler(innen) durchaus nicht von dem Lebenden. Der Verstorbene ist mit den gleichen physischen Möglichkeiten begabt wie der Lebende,275 er ist ein „Lebender Leichnam“.276 Einige Beispiele ethnologischer Art mögen diese Tatsa- che belegen. In den Schilderungen der Naturvölker über die Totenreise eines Ver- storbenen besteht „fast niemals Zweifel daran, dass es der ganze Mensch ist, der sich auf Wanderschaft begibt“.277 Auch in der altnordischen Literatur ist der Tote „durchaus körperlich, dreidimensional, ein Wesen mit Fleisch und Blut. Seine Gestalt ist identisch mit der Leiche“.278 Von den christianisierten Letten berichtet im Jahre 1636 Paul Einhorn, Predi- ger und späterer kurländischer Superintendent,279 sie hätten „es dafür gehalten, es würde eben so ein irdisch und natürlich Leben sein, wie dieses: man würde da, gleich wie hie, essen und trinken, schlafen, sich bekleiden etc....

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.