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Bildung durch Dichtung – Literarische Bildung

Bildungsdiskurse literaturvermittelnder Institutionen um 1900 und um 2000

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Edited By Christian Dawidowski

Welche Deutungsmuster, Vorstellungen und diskursiven Strategien bewirken die Durchsetzungskraft der Hochwertbegriffe Bildung durch Dichtung oder literarische Bildung im Kontext der Vermittlung von Literatur? Dieser Frage widmet sich der vorliegende Band. Er ergründet Kontinuitäten und Brüche zwischen Bildungsbegriffen des 19. und des 20./21. Jahrhunderts, um aufzuzeigen, wie die den Bildungsdebatten des 19. Jahrhunderts zugrunde liegende Trias Literatur – Nation – Bildung sich in der Gegenwart zu einem begrifflichen Geflecht aus den Elementen literarische Bildung, gesellschaftlich handlungsfähiges Subjekt und Kompetenz wandeln konnte.

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II. Einzelstudien zu Bildungsdiskursen um 1900

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Wissenschaft, Bildung und Judentum im Werk von Ludwig Geiger. Zu einem philologischen Paradox Christoph König In seinem Buch Die Ilias und Homer1 (1916) prüft der Gräzist Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff die Bedeutung und Größe seines Gegenstands. Er trifft eine bezeichnende Unterscheidung. Studenten solle man anfangs, in ihren ersten Jahren, in ihrem Glauben belassen, dass die zwei Epen Ilias und Odyssee einem einzigen, großen Autor zugeschrieben werden können. Darin sieht Wila- mowitz allein den Weg, den für die Philologie nötigen Enthusiasmus zu entwi- ckeln. Später allerdings sollte, so Wilamowitz, diese naive, unvermittelte Art der Lektüre durch eine wissenschaftliche Lektüre ergänzt und korrigiert werden. Erst die wissenschaftliche Lektüre würde Homer als einzigen Autor der großen Epen auflösen.2 Zurecht: Denn streng historisch, d.h. philologisch gesehen, gab es, so der Stand der Forschung damals, Homer nicht: Seine Werke verschwan- den in einem Reichtum an archäologischem und textgenetischem Wissen. Wilamowitz formuliert mit seinem doppelten Ratschlag ein zentrales Paradox der Philologie: Ein unmittelbarer, scheinbar zeitloser Zugang zur Literatur wi- derspricht dem wissenschaftlichen, methodischen Zugriff, der indes von der ers- ten, noch nicht-diskursiven Lektüre abhängt, die nun nicht der Wissenschaft, sondern dem Bereich der Bildung angehört.3 Wilamowitz hat eine bestimmte Lösung des Paradoxes vorgeschlagen, die Schule machte. Seine Lösung war institutionell, sie beruhte auf einer institutio- nell abgesicherten Trennung der Bereiche von Bildung und Öffentlichkeit auf der einen Seite und von Seminar und Wissenschaft auf der...

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