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Die poena naturalis im Straf- und Strafzumessungsrecht

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Sabrina Sprotte

Seit jeher ist die straftheoretische Fundierung des poena naturalis-Gedankens innerhalb des Strafrechtsystems umstritten. Bereits prima facie scheint eine zufällige, nicht durch eine übergeordnete Instanz verhängte Strafe nur schwerlich geeignet zu sein, die Funktion einer staatlichen Strafe zu erfüllen. Gleichwohl hat dieses Phänomen durch § 60 StGB Einzug in das geltende Strafrechtsystem gefunden. Im Fokus der Arbeit steht die Frage, ob die poena naturalis einen legitimen Stellenwert innerhalb des Strafrechts, insbesondere als Absehensgrund von Strafe im Rahmen von § 60 StGB hat bzw. haben kann, was nach ausführlicher Untersuchung verneint wird. Die poena naturalis ist und bleibt eine systemfremde Figur, welche keinerlei Daseinsberechtigung im geltenden Strafrecht hat.

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C. Die poena naturalis im gegenwärtigen Straf- und Strafzumessungsrecht

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Indessen lässt sich trotz der klaren Feststellung, dass sich die poena naturalis nicht als eine Form der Rechtsstrafe in unser Strafrechtssystem einfügen kann, dessen Gedanke augenscheinlich in einer Regelung des StGB wiederfinden.166 So heißt es in § 60: „Das Gericht sieht von Strafe ab, wenn die Folgen der Tat, die den Täter getroffen haben, so schwer sind, dass die Verhängung einer Strafe offensichtlich verfehlt wäre. Dies gilt nicht, wenn der Täter für die Tat eine Freiheitsstrafe von mehr als einem Jahr verwirkt hat.“. Der Wortlaut des § 60 besagt also, dass Eigenschäden des Täters insofern berücksichtigt werden, als bei schweren Tatfolgen von einer Bestrafung abgesehen werden muss. Diese schwe- ren Tatfolgen lassen prima facie aufgrund ihres ebenfalls zufälligen Auftretens und ihrer Unkontrollierbarkeit vermuten, dass sie im Grunde nichts anderes sind als eine – durch die Tatbegehung ausgelöste – poena naturalis. Es liegt daher der Gedanke nahe, dass die derzeitige Fassung des § 60 eine poena naturalis zumin- dest als einen in Rechnung zu stellenden Faktor ansieht, der als Grundvoraus- setzung für ein Absehen von Strafe vorliegen muss. Falls sich diese Vermutung im Rahmen der Untersuchung als zutreffend erweisen sollte, ist es angesichts der oben erlangten Erkenntnisse verwunderlich, warum der Gesetzgeber § 60 in dieser Form bzw. mit diesem Wortlaut überhaupt in das StGB aufgenommen hat. Denn wie bereits festgestellt, lässt sich eine poena naturalis nicht mit den ver- schiedenen Strafzwecktheorien und vor allen Dingen nicht mit dem allein legi- timen Strafzweckkonzept...

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