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Psychologie – Genese einer Wissenschaft

Eine problemgeschichtliche Analyse zum Diskurs des Unbewussten

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Ingmar Zalewski

Die Psychologie ist eine junge Wissenschaft. Ihre Geschichte beginnt erst 1879, als Wilhelm Wundt das erste experimentalpsychologische Labor der Welt in Leipzig eröffnet. Doch warum ist die Erzählung der Institutsgründung so populär? Ist nicht erst ein eigenständiges wissenschaftstheoretisches Fundament für die Geburt einer Disziplin konstitutiv? Das vorliegende Buch entwickelt alternative Sichtweisen auf die Genese der Psychologie und greift dabei nicht auf die herkömmliche Erzählung des paradigmatischen Bruchs zurück. Am Beispiel der Debatten zum Unbewussten werden Traditionslinien aufgezeigt, die in Wundts Gesamtkonzeption der Psychologie zusammenlaufen. Ihre Etablierung wird damit nicht primär mit dessen experimentalpsychologischer Pionierarbeit begründet. Stattdessen wird Wundts vermittelnde Position zwischen Geistes- und Naturwissenschaften herausgestellt und für die gegenwärtige Fachdiskussion neu aufbereitet.

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IV Endpunkt

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7 Wundt 7.1. Metatheoretische Einordnung Wilhelm Wundt [1832–1920] gilt als Pionier der experimentellen Psy- chologie. Dennoch lassen sich, wie Benetka (2002, S. 62) feststellt, die „intellektuellen Wurzeln der Wundt’schen Psychologie“ in der „deut- schen philosophischen Tradition“ bei „Kant, Fichte, Herbart, Schopen- hauer“ finden. Leibniz habe, so Benetka (S. 62) weiter, dieser „Genealo- gie der deutschen Philosophie die Grundlage bereitet.“ Der Verweis auf eine inhaltliche Verbindung Wundts mit diesen Autoren legt nahe, nicht allein dessen Gründung des ersten experimentalpsychologischen Labors der Welt als alleinigen Indikator für den Beginn einzelwissenschaftlicher Psychologie heranzuziehen. Doch hat die Erzählung von der Instituts- gründung in einschlägigen Werken zur Geschichte der Disziplin (Bo- ring, 1929/1950, 1953; Hall, 1914) eine lange Tradition. Am Ende dieser Problemgeschichte der Genese der Psychologie kann allerdings nur eine inhaltliche – auf die beiden Traditionslinien bezogene – Gesamtkonzep- tion einer neuen Psychologie stehen und keine Institutsgründung. Ein solches Gesamtkonzept einer Psychologie bei Wundt zu erfassen ist ein äußert komplexes Unterfangen. Der extrem produktive Wundt hinterlässt in einer Schaffensperiode von über sechs Jahrzehnten ein ext- rem umfangreiches, geradezu unübersichtliches Gesamtwerk.34 Er hat dabei jedoch bis in sein hohes Alter stets die konkrete übergreifende In- tention, eine systematische Neuausarbeitung der Psychologie zu voll- 34 Pongratz (1967, S. 100) führt hier eine Statistik an, der zufolge Wundt über 500 Titel und damit rund 53735 Seiten veröffentlicht haben soll. Damit steht das Wundt’sche Werk weit über denen von z.B. Darwin (ca. 12000 S.), Hegel (ca. 11000 S...

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