Show Less

Schreiben in Ost und West

Ostdeutsche Autoren von Kinder- und Jugendliteratur vor und nach der Wende

Series:

Maria Becker

Ostdeutsche Kinder- und Jugendbuchautoren waren nach der Wende gänzlich neuen Produktionsbedingungen ausgesetzt. «Der Kapitalismus muss gelernt werden ...» So formulierte es 2010 die ehemalige Cheflektorin des Kinderbuchverlags der DDR Katrin Pieper. Selbst renommierten Autorinnen und Autoren Ostdeutschlands ist dieser Lernprozess nur ansatzweise gelungen, sofern sie sich überhaupt darauf einlassen wollten. Den Strukturen des bundesdeutschen Kinder- und Jugendbuchmarkts entsprach ein Anforderungsprofil, dem die einst erfolgreichen DDR-Literaten kaum gerecht werden konnten. Im Zentrum der vorliegenden Studie steht das literarische Schaffen von sechs DDR-Autoren vor und nach der Wende von 1989/90: Christa Kożik, Wolf Spillner, Jutta Schlott, Peter Abraham, Uwe Kant und Günter Saalmann.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

6. Fallanalysen

Extract

Die Erinnerung als retrospektive Reinterpretation schafft narratives Kolorit. In der psychologischen Gedächtnisforschung wird darauf verwiesen, dass vergangene Erfahrungen neuen Bewertungs­ und Wahrnehmungsmustern des erinnernden Zeitpunkts unterliegen (vgl. Welzer 2008, Schacter 2001). Ferner ist der indivi­ duelle Bedeutungswert gesammelter Erfahrungen von entscheidendem Gewicht: Während etwa alltägliche und routinehafte Verrichtungen von äußerst geringer Erinnerungs­ relevanz sind, werden Ereignisse, die aufgrund ihrer emotionalen Bedeutung einen beson­ deren Aufmerksamkeitswert haben, offensichtlich gerade deswegen erinnert, weil man sie sich oft wieder «ins Gedächtnis ruft», und auch, weil man häufig über sie spricht. (Welzer 2008, 21) Der Prozess des Erinnerns unterliegt ebenso potentiellen Beeinflussungsme­ chanismen durch äußere und innere Faktoren – ohne dass sich der Erinnernde dessen bewusst sein muss. Im Rahmen der Rezeption thematisch vergleichbarer Medienaufbereitungen (Filme, Literatur), Kommunikationsinhalten oder offi­ ziellen, gesellschaftlich verbreiteten Interpretationsschemata, können erworbene Elemente zu einem konstitutiven Bestandteil der Erinnerung werden und diese nachhaltig verändern: […] von einer authentischen Erinnerung an die Situation und an das Geschehen, die sich bei jemandem als Erfahrung niedergeschlagen haben, [ist] nur im seltenen Grenzfall auszugehen […]. Im Regelfall leistet das Gehirn eine komplexe konstruktive Arbeit, die die Erinnerung, sagen wir: anwendungsbezogen modelliert. (Wenzel 2002, 21) Folglich können die eruierten Daten der nachfolgenden Einzelfallanalyse keine faktische Authentizität garantieren. Dennoch beruhen diese auf der sorgfältigen Kontrolle ihrer Stimmigkeit, die Fuchs­Heinritz als entscheidenden Vorteil qua­ litativer gegenüber quantitativen Erhebungen benennt: Ein Vorwurf hebt heraus, dass die Ausgangsdaten der Biographieforschung unzuverlässig seien – gefärbt durch Lebenslügen...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.