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Thomas Manns «Joseph und seine Brüder»

Ein moderner Roman

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Katja Lintz

Thomas Manns Romantetralogie Joseph und seine Brüder ist zeitlich inmitten der literarischen Moderne situiert. Doch die narrative, traditionell anmutende Struktur des Joseph-Romans stellt ihn auf den ersten Blick ins Abseits der innovativen literarischen Entwicklungen dieser Zeit. Diese narratologisch fundierte Studie zeigt jedoch, dass in Joseph und seine Brüder lediglich auf eine andere Weise modern erzählt wird als bisher erkannt: Der Joseph-Roman ist ein moderner Roman. Darüber hinaus durchleuchtet die Studie auch die Folgen, die sich aus diesem Befund für die gegenwärtige Moderne-Diskussion und die moderne Narratologie ableiten.

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I. Zeitliche Konvergenz und narrative Divergenz des Joseph-Romans zur literarischen Moderne

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Als Thomas Mann seinen Roman Joseph und seine Brüder Ende 1926 zu schrei- ben beginnt, sind die literarischen Entwicklungen der Moderne im vollen Gange: Die Werke, die später zu den Prototypen des modernen Romans avancieren, wie zum Beispiel Musils A la recherche du temps perdu oder in besonderem Maße Joyces Ulysses, sind entweder bereits erschienen oder sind gerade im Entste- hungsprozess. Die neuen, modernen Romane erregen die Aufmerksamkeit – sie faszinieren und verwirren zugleich – aufgrund ihrer innovativen Ausreizung der sprachlichen Möglichkeiten. Erwartungen, die man Thomas Manns Tetralogie aufgrund ihrer zeitlichen Parallelität zu den bedeutenden Romanen der literari- schen Moderne entgegenbringt, werden jedoch enttäuscht: Der Leser empfindet Joseph und seine Brüder im Vergleich mit den anderen Romanen wahrscheinlich ähnlich, wie Thomas Mann seine eigene, gesamte Produktion einschätzt, näm- lich als „flaue[n] Traditionalismus“ (XI, 205)1. An den prototypischen Romanen der literarischen Moderne lässt sich ablesen, dass moderne Romane das Verhältnis von Erzählen und Erzähltem neu gestalten: Während die erzählte Geschichte an Relevanz verliert, tritt das Erzählen in den Mittelpunkt. Das mimetische Prinzip2 der realistischen Traditionslinie3 wird von einem selbstständigen Erzählen abgelöst, so dass modernes Erzählen über das Erzählte hinaus und auf sich selbst verweist. Durch narrative Formexperimente wird dieses neue, für den modernen Roman charakteristische Erzählverfahren 1 Soweit nicht anders angegeben, wird in der vorliegenden Arbeit das Werk Thomas Manns und Thomas Mann selbst zitiert nach: Mann, Thomas:...

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