Show Less

Erziehung zur Mündigkeit und Kants Idee der Freiheit

Markus Speidel

Obwohl der Mündigkeitsbegriff seine herausragende Stellung in der erziehungswissenschaftlichen Diskussion mittlerweile eingebüßt hat, ist er immer noch als Erziehungsziel gegenwärtig. Wer von Mündigkeit redet, meint – mal mehr, mal weniger explizit – das Verantwortung begründende Freiheitsvermögen, sich selbst regieren zu können. Angenommen, die moderne Hirnforschung hätte Recht und Freiheit wäre tatsächlich nur eine Illusion, müsste mit der Unmöglichkeit von Freiheit und Verantwortung
konsequenterweise auch der Mündigkeitsbegriff verworfen werden. Kants Idee der Freiheit zeigt, warum Freiheit trotz (neuronaler) Determination widerspruchsfrei gedacht werden kann. Diese Fundierung des Mündigkeitsbegriffs in der Idee der Freiheit schränkt zugleich auch die Bandbreite dessen ein, was Mündigkeit sein kann und nimmt dem Begriff so seine Beliebigkeit.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

4 Die Freiheitslehre Immanuel Kants

Extract

4.1 Transzendentalphilosophische Grundlagen Kant legte mit der Kritik der reinen Vernunft den Grundstein zu seiner kriti- schen Philosophie, die er selbst auch als „Transzendental-Philosophie“ (Kant 1974b, S. 63) bezeichnet und die sich als „Umsturz in der Geschichte der euro- päischen Philosophie erweisen sollte“ (Höffe 1996a, S. 21). Für Kant ist bei sei- nen Überlegungen die Annahme leitend, dass eine Frage, die von der Vernunft gestellt wird, grundsätzlich auch von der Vernunft beantwortet werden kann (Kant 1974c, S. 451). Um seine Methode einführend zu erklären, wählt Kant Kopernikus und seine Theorie zur Beschreibung der Himmelsbewegungen als Beispiel. Nachdem Kopernikus mit der Grundannahme, dass die Sterne sich um den „Zuschauer“ drehen, die Himmelsbewegungen nicht erklären konnte, drehte er seine Grundannahme um – er ließ den Zuschauer „drehen“ und ließ die Sterne „in Ruhe“ (Kant 1974b, S. 25). Diesen Sachverhalt überträgt Kant auf die Be- schaffenheit unseres Erkenntnisvermögens; er ist der Auffassung, dass wir „von den Dingen nur das a priori erkennen, was wir selbst in sie legen“ (Kant 1974b, S. 26). Für Kant ist unzweifelhaft, dass alle Erkenntnis mit der Erfahrung an- fängt, aber, obwohl Erfahrung jeder Erkenntnis zeitlich vorausgeht, so hat doch nicht alle Erkenntnis in der Erfahrung ihren Ursprung (Kant 1974b, S. 45). Die in diesem Sinne erfahrungsunabhängigen Erkenntnisse bezeichnet Kant als „Er- kenntnisse a priori“ (Kant 1974b, S. 45). Die Regel, dass jede Veränderung eine Ursache hat, ist z. B., trotz ihrer Allgemeinheit, doch nicht v...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.