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Erziehung zur Mündigkeit und Kants Idee der Freiheit

Markus Speidel

Obwohl der Mündigkeitsbegriff seine herausragende Stellung in der erziehungswissenschaftlichen Diskussion mittlerweile eingebüßt hat, ist er immer noch als Erziehungsziel gegenwärtig. Wer von Mündigkeit redet, meint – mal mehr, mal weniger explizit – das Verantwortung begründende Freiheitsvermögen, sich selbst regieren zu können. Angenommen, die moderne Hirnforschung hätte Recht und Freiheit wäre tatsächlich nur eine Illusion, müsste mit der Unmöglichkeit von Freiheit und Verantwortung
konsequenterweise auch der Mündigkeitsbegriff verworfen werden. Kants Idee der Freiheit zeigt, warum Freiheit trotz (neuronaler) Determination widerspruchsfrei gedacht werden kann. Diese Fundierung des Mündigkeitsbegriffs in der Idee der Freiheit schränkt zugleich auch die Bandbreite dessen ein, was Mündigkeit sein kann und nimmt dem Begriff so seine Beliebigkeit.

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5 Mündigkeit und die Idee der Freiheit

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Die Feststellung, dass der Mündigkeitsbegriff sowohl im Blick auf seine etymo- logische Herkunft, als auch in Bezug auf ein alltagssprachliches Verständnis von Mündigkeit, nicht ohne ein Verantwortung begründendes freies Vernunftvermö- gen gedacht werden kann, hat zur Frage geführt, ob die durch die moderne Hirn- forschung aufgeworfenen Zweifel an der Möglichkeit von Freiheit nicht zwangsläufig dazu führen, dass der Mündigkeitsbegriff zumindest unter einen Vorbehalt gestellt oder konsequenterweise ganz verworfen werden muss. Die Beantwortung dieser Frage hat die Auseinandersetzung mit der kantischen Frei- heitslehre geliefert. Stellt man zentrale Aussagen der Hirnforschung kantischen Positionen gegenüber, springt im Blick auf die empirische Beobachtbarkeit einer freien Handlung zunächst eine auffällige Gemeinsamkeit ins Auge:   Gerhard Roth: „Aus der Kenntnis bestimmter Eigenschaften der Nervenzellmembran und ihrer Io- nenkanäle kann ich die Eigenschaften des Aktionspotentials mehr oder weniger voll- ständig erklären und sogar voraussagen, selbst wenn ich vorher noch nie ein Akti- onspotential beobachtet habe. Ich könnte eventuell sogar aufgrund einer hinreichen- den Kenntnis des zu einem Zeitpunkt vorliegenden strukturellen und funktionalen Zustandes des menschlichen Gehirns und der einwirkenden Sinnesreize das Verhal- ten eines Menschen vollständig erklären, sofern mir die entsprechenden mathemati- schen Hilfsmittel zur Verfügung stünden (was sie leider nicht tun)“ (Roth 2004b, S. 79 f.) vs. Immanuel Kant: „… so sind alle Handlungen des Menschen in der Erscheinung aus seinem empiri- schen Charakter und den mitwirkenden anderen Ursachen nach der Ordnung der Na- tur bestimmt, und...

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