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Gehirn und Zauberspruch

Archaische und mittelalterliche psychoperformative Heilspruchtexte und ihre natürlichen Wirkkomponenten- Eine interdisziplinäre Studie

Wolfgang Ernst

Seit Beginn menschlicher Kultur waren Heilkundige bemüht, Kranken auch mit geeigneten Worten zu helfen. Archaische und mittelalterliche Heilspruchtexte, bisher als magische oder per Wortakt performierende Instrumente gedeutet, werden vom Autor erstmals nach neurobiologisch möglichen Funktionsabläufen unter die Lupe genommen. Textinhalte und Wortfiguren werden nach Kriterien emotionaler Verarbeitung per frontaler Regulierung, als Reaktion auf kognitive Inkongruenzen, als Imagination von Regression und als extro- und introversive Katharsis beschrieben. Dabei zeigt sich, daß fließende reziproke Vermittlungen von Kultur zu Natur möglich waren: Wort und Ritus konnten zur Aktivierung innerer Bilder und damit neuronaler Aktivitäten bis zu immunologischen Veränderungen beitragen.

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Vorbemerkungen

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Es mag verwegen erscheinen, zwei wissenschaftliche Fachgebiete von so unter- schiedlichem Format angenähert zu sehen: das eine, noch in Kinderschuhen strauchelnd, das andere von altehrwürdiger, sich gleichwohl stets verjüngender Gestalt: frühe Kindheit neurobiologischer Forschung, fruchtbare Reifezeit philo- logischer Forschung. Jedoch sind die seit über 15 Jahren erzielten Befunde und Ergebnisse der bildgebenden Verfahren am menschlichen Gehirn ebenso wie die neuen EEG-Techniken der Messung ereigniskorrelierter Potentiale weit fortge- schritten. So weit, daß eine m. W. erste Bestandsaufnahme zur biologischen Anfrage an die Wirkungsprofile von Zaubersprüchen möglich ist. Diese Studie richtet sich an alle diejenigen, die aus dem modischen Wust der gegenwärtigen Überdehnung und Vereinnahmung der Neurowissenschaften einen Ariadnefaden suchen und die gleichzeitig an Beispielen eines universalen menschlichen Phänomens magnetischer Kräfte von Sprache zu Bild und von Innenleben zum Sozialen interessiert sind. Über diese magnetische Beziehung hat Goethe geschrieben: „Wort und Bild sind Correlate, die sich immerfort su- chen ….“1 Ich lade damit dazu ein, die rein fachspezifisch geprägten Schwellen zu über- schreiten, an die die alte Magie- und die Sprechaktforschung mittlerweile gelangt sind. Das Gehirn ist das Zielorgan, für das Zaubersprüche geschaffen wurden, an dem Zaubersprüche sich vollenden können und das damit Kultur und Natur ver- bindet. Es geht also darum, Wege und Brücken zu konstruieren, die sich als vermittelnd-verweisend oder gar als komplementär verstehen können. Auf einem Nachbargebiet ist inzwischen eine beachtliche Pionierarbeit geleistet worden,2 von der sich die hiermit vorgelegte Studie...

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