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Gehirn und Zauberspruch

Archaische und mittelalterliche psychoperformative Heilspruchtexte und ihre natürlichen Wirkkomponenten- Eine interdisziplinäre Studie

Wolfgang Ernst

Seit Beginn menschlicher Kultur waren Heilkundige bemüht, Kranken auch mit geeigneten Worten zu helfen. Archaische und mittelalterliche Heilspruchtexte, bisher als magische oder per Wortakt performierende Instrumente gedeutet, werden vom Autor erstmals nach neurobiologisch möglichen Funktionsabläufen unter die Lupe genommen. Textinhalte und Wortfiguren werden nach Kriterien emotionaler Verarbeitung per frontaler Regulierung, als Reaktion auf kognitive Inkongruenzen, als Imagination von Regression und als extro- und introversive Katharsis beschrieben. Dabei zeigt sich, daß fließende reziproke Vermittlungen von Kultur zu Natur möglich waren: Wort und Ritus konnten zur Aktivierung innerer Bilder und damit neuronaler Aktivitäten bis zu immunologischen Veränderungen beitragen.

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B Die neuropsychosoziale Struktur einer Notfallbehandlung als Triade

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In diesem Kapitel sollen die Grundlagen vorgestellt werden, die dem Prozess jeder Notfall- und Krisenintervention eignen und die uns dazu berechtigen, die mittelalterlichen, frühkulturellen und archaischen Heilspruchtexte auf ihre Wirk- palette zu untersuchen. Der „Not-“ bzw. „Krisenfall“ wird hier überwiegend nur als Sammelbegriff für jedes dringende akute medizinische Management unab- hängig von einer Diagnose verstanden. „Not- und Krisenfall“ sind ebenso wie „Krankheit“ relative Begriffe, abhängig von kulturellem Kontext, Beobachtung und Erwartung.98 Die Ausführungen müssen belegen, daß wir heute erste neu- rophysiologische Kriterien besitzen, allein anhand der alten Texte Folgerungen auf Wirkungsmöglichkeiten dieser Verbaltherapie zu ziehen, obwohl wir die situativen Bedingungen quellentechnisch nicht exakt zu reanimieren vermögen. Aus vielen Schriftzusammenhängen wissen wir allerdings von einem gemein- samen und oft aufeinander abgestimmten Gebrauch medikamentöser und chirur- gischer Maßnahmen mit Spruchtexten und Riten. Nachweislich war das Interesse der Ärzte für rein pragmatische Medizinschriften gering; die Medizin des ‚The- saurus pauperum‘ eines Petrus Hispanus (13. Jahrhundert, Papst Johannes XXI?) fand erst Verbreitung, als sie mit Heilsegen und Zaubersprüchen ausgestattet wurde.99 Für die altägyptische Medizin wird vermutet, daß der Heilkundige „alle medizinischen Vorgänge mit Zauberpraktiken“ „kombinierte.“100 Für die meso- potamischen Verhältnisse verweise ich auf die Zusammenstellung in Kap. B4.2. Theorie und Praxis dieser frühen Ganzheitsmedizin für Leib und Seele konn- ten nicht stets neu erfunden werden. Medizinkunst wurde nach den Erfahrungen tradiert. Das schließt keinesfalls aus, daß der Arzt kulturell als von Gott...

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