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Gehirn und Zauberspruch

Archaische und mittelalterliche psychoperformative Heilspruchtexte und ihre natürlichen Wirkkomponenten- Eine interdisziplinäre Studie

Wolfgang Ernst

Seit Beginn menschlicher Kultur waren Heilkundige bemüht, Kranken auch mit geeigneten Worten zu helfen. Archaische und mittelalterliche Heilspruchtexte, bisher als magische oder per Wortakt performierende Instrumente gedeutet, werden vom Autor erstmals nach neurobiologisch möglichen Funktionsabläufen unter die Lupe genommen. Textinhalte und Wortfiguren werden nach Kriterien emotionaler Verarbeitung per frontaler Regulierung, als Reaktion auf kognitive Inkongruenzen, als Imagination von Regression und als extro- und introversive Katharsis beschrieben. Dabei zeigt sich, daß fließende reziproke Vermittlungen von Kultur zu Natur möglich waren: Wort und Ritus konnten zur Aktivierung innerer Bilder und damit neuronaler Aktivitäten bis zu immunologischen Veränderungen beitragen.

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C Psychoperformative Hirnleistung und Zauberspruch

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C1 Das Bannen der Dämonen durch ihre Nennung und durch die Schilderung ihres Wirkens – Strategie der internen und externen Emotionsregulierung mittels Etikett und Metapher am Beispiel des Alptraums und verwandter Affektionen Die hier vorgenommene Kapiteleinteilung weicht von den bisherigen Übersich- ten der bearbeitenden Germanisten und Kulturforscher über die Spruchtexte bei weitem ab. Die neuropsychologischen Wirkfaktoren stimmen mit den kulturge- gebenen inhaltlichen und den sprachformalen Textinhalten nur selten überein – das ‚Böse-Augen‘-Syndrom ist eine Ausnahme. Kriterien, die die Zaubersprüche in Gebet, Segen und Beschwörung239 einteilen oder in Befehl, Analogie und Erzählung240, haben für die Bedingungen, unter denen das Gehirn arbeitet, nur eingeschränkte Bedeutung. Zum Beispiel unterliegt die Wirkung des Münchner Nachtsegens nicht allein den Befehlsformen, sondern auch der Dämonenbenen- nung und der ausgiebigen Psalmenlesung und ist zugleich Erzählung. Ebenso griffe eine Kategorisierung des Heilgesangs des Schamanen mit Mu-Igala für Gebärende in seiner archaischen Physiologie nach Kriterien von Erzählung, autoritärem operativen Befehlsstand und Klagelied zu kurz. Eine neurophysiolo- gische Betrachtung ist zunächst nur im Blick auf Einzelelemente dieser Texte möglich. Außerdem ist in den vorausgehenden Ausführungen deutlich geworden, welche natürlichen Grundlagen die Kommunikation zwischen Heilkundigen, Kranken und Gesellschaft auch in der Vergangenheit geprägt haben. Behandelt wurden nicht Geister, sondern Kranke in Not. Zu den psychohygienisch für alle Lebenslagen wichtigsten Voraussetzungen zur Erhaltung des inneren Gleichgewichts gehört die Registrierungspotenz für jegliches ankommende Übel im Sinne eines Sich-bewußt-Machens eigener Ge-...

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