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Gehirn und Zauberspruch

Archaische und mittelalterliche psychoperformative Heilspruchtexte und ihre natürlichen Wirkkomponenten- Eine interdisziplinäre Studie

Wolfgang Ernst

Seit Beginn menschlicher Kultur waren Heilkundige bemüht, Kranken auch mit geeigneten Worten zu helfen. Archaische und mittelalterliche Heilspruchtexte, bisher als magische oder per Wortakt performierende Instrumente gedeutet, werden vom Autor erstmals nach neurobiologisch möglichen Funktionsabläufen unter die Lupe genommen. Textinhalte und Wortfiguren werden nach Kriterien emotionaler Verarbeitung per frontaler Regulierung, als Reaktion auf kognitive Inkongruenzen, als Imagination von Regression und als extro- und introversive Katharsis beschrieben. Dabei zeigt sich, daß fließende reziproke Vermittlungen von Kultur zu Natur möglich waren: Wort und Ritus konnten zur Aktivierung innerer Bilder und damit neuronaler Aktivitäten bis zu immunologischen Veränderungen beitragen.

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D Nachbemerkungen

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1. Mit der vorliegenden Studie kann zunächst einem verbreiteten intrikaten Wi- derspruch entgegengetreten werden. Er ist beispielsweise für das 14. Jahrhundert von Umberto Eco seinem Romanhelden, dem Ex-Inquisitor William von Bas- kerville, Verehrer des Roger Bacon, in den Mund gelegt worden: „Ich habe sehr tüchtige Ärzte gekannt, die hervorragende Medikamente zu mischen wußten, […] aber den Laien verabreichten sie ihre Salben und Säfte nur unter Rezitation von heiligen Worten und Sprüchen, die wie Gebete klangen. Nicht weil diese Sprüche irgendeine heilende Kraft gehabt hätten, sondern damit die Patienten glaubten, daß die Heilung durch die Gebete käme, sodaß sie gesund wurden, ohne allzu sehr auf die Medikamente zu achten. Außerdem hat der Körper, wenn die Seele auf rechte Weise zum Vertrauen in die fromme Formel gebracht wird, mehr Aufnahmebereitschaft für die heilende Wirkung der Medikamente.“ Waren also all die Heilsprüche, jene des Mittelalters und jene fremder Kultu- ren lediglich illusionistisches Therapiebeiwerk, bei den einen zur religiösen Erziehung, bei den anderen zur Festigung der Priesterarzt-Herrschaft oder der Schamanenurkräfte oder wurden sie gar einer Art Placebo verglichen ? Hier irrt Umberto Ecos Held. Nicht daß es allein um historische Feststellun- gen ginge, also um das fast obligate Nebeneinander pragmatischer und verbaler therapeutischer Textanteile in den Schriften im Sinne einer – modern gesprochen – wenigstens literarisch nachweisbaren Ganzheitsmedizin. Auch nicht um die Vorstellung einer psycho-physischen Einheit in den konvergierenden Theorien und Praktiken von Theologie und Medizin unter Mönchsärzten oder um die...

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