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Gagarin als Archivkörper und Erinnerungsfigur

Edited By Matthias Schwartz, Kevin Anding and Holt Meyer

Als erster Mensch im Weltraum umkreiste der sowjetische Luftwaffenoffizier Jurij Gagarin am 12. April 1961 in seinem Raumschiff Vostok die Erde. Mehr als 50 Jahre nach dem Ereignis und lange nach Ende des Kalten Kriegs genießt Gagarin weiterhin Aktualität. Der Körper des Kosmonauten lebt als eine grenzüberschreitende Erinnerungsfigur nahezu ungebrochen fort. Das Archiv seiner medialen Repräsentationen als Gast aus der Zukunft und Zeuge einer besseren Welt, als ewig lächelndes Kindheitsidol und zu früh verstorbener Himmelssohn, als russischer Recke und christlicher Heiliger ist genauso unerschöpflich wie ungeordnet. Die Aufsätze und Gespräche in diesem Buch wollen die seit über einem halben Jahrhundert automatisierten Wahrnehmungsmuster und Erzählverfahren über Gagarin als Archivkörper und Erinnerungsfigur kritisch reflektieren und damit einen Beitrag dazu leisten, das Reden und Denken über Gagarin wieder für kulturwissenschaftliche Debatten und künstlerische Interventionen zu Erinnerungskulturen und Gedächtnismedien, Archäologien des Archivs und Epistemologien des Erinnerns zu öffnen.

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Einleitung

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Holt Meyer und Matthias Schwartz Gagarin als Bleistift Angesichts von Jurij Gagarins Weltraumflug am 12. April 1961 diagnostizierte Emmanuel Levinas noch im gleichen Jahr eine „Erschütterung der seßhaften Zivilisationen“, ein „Abbröckeln der lastenden Schwere der Vergangenheit“ und ein Zerreißen all jener „sperrigen und beschränkten Dinge, an die sich die menschlichen Partikularismen anlehnen.“1 Mit seiner „Großtat“, die Erde zu verlassen, habe Gagarin dem ganzen frömmelnd-philosophischen „Aberglauben des Orts“ und der Verwurzelung seine Grundlage entzogen und der Menschheit „neue Erkenntnisse“ und Möglichkeiten eröffnet, frei und ortlos zu sein: „Eine Stunde lang hat ein Mensch außerhalb jedes Horizonts existiert – alles um ihn herum war Himmel, oder genauer, alles war geometrischer Raum. Ein Mensch existierte im Absoluten des homogenen Raums.“2 Auch Jacques Lacan sah durch Gagarin und seine Nachfolger im Februar 1962 das „dumme“ und „idioti- sche“ Raum- und Zeitgefühl eines Euklid und Immanuel Kant infrage gestellt.3 Ja, er nahm in seinen Seminaren die Figur des Kosmonauten zum Anlass, über eine generelle Revision der Psychologie des Menschen nachzudenken, werfe 1 Levinas, Emmanuel: Heidegger, Gagarin und wir (1961), in: Ders.: Schwierige Freiheit. Versuch über das Judentum, Frankfurt am Main 1992, S. 173-176, S. 173. 2 Ebd., S. 175f. 3 Lacan, Jacques: The Seminar of Jacques Lacan. Book IX. Identification. 1961-1962 (Translated by Cormac Gallagher, unpublished typescript), http://www.valas.fr/IMG/ pdf/THE-SEMINAR-OF-JACQUES-LACAN-IX_identification.pdf, 15.05.2013, S. 129f. 8 Holt Meyer und Matthias Schwartz dessen in die Maschine der Raumkapsel eingesperrter, schwereloser Körper doch wesentliche Fragen...

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